Kein Tag wie der andere, ein breites Aufgabenspektrum und interdisziplinäres Arbeiten – das macht für Maxi Hoyer den Reiz der Verpackungsentwicklung bei der Carl Kühne KG aus. Als R&D Packaging Developer verantwortet sie mit ihrem Team ein breites Portfolio an Primär-, Sekundär- und Transportverpackungen für alle Warengruppen, Vertriebsbereiche und deutschen Werke, von B2C bis B2B. Im Interview spricht sie über die Verpackungsentwicklung bei Kühne zwischen Produktschutz, Regulatorik und Nachhaltigkeit.
Frau Hoyer, Kühne setzt traditionell stark auf Glasverpackungen, gleichzeitig kommen auch Kunststofflösungen zum Einsatz. Nach welchen Kriterien treffen Sie Materialentscheidungen?
Wir klären zunächst, welche Anforderungen das Produkt von Natur aus mitbringt, wie wir es bestmöglich schützen und Konsumentinnen und Konsumenten am Ende ein überzeugendes Geschmackserlebnis in gewohnt hoher Kühne Qualität bieten können. Der Produktschutz hat bei jeder Verpackungslösung, die wir entwickeln, absolute Priorität. Eng damit verknüpft sind Vertriebsweg und Zielgruppe: Sauerkraut im Glas zum Beispiel ist vor allem für die Zielgruppe ab 60 Jahren eine gelernte, traditionelle Verpackungsform. Daneben gibt es ein fertig gewürztes Zwei-Minuten-Sauerkraut im Standbodenbeutel (Pouch), das man nur kurz in den Topf gibt und welches eine jüngere, convenience-orientierte Zielgruppe anspricht. Und dann haben wir Sauerkraut in Großgebinde-Kunststoffbeuteln für den Industriebereich.
Auch die Produktionsprozesse stellen spezifische Anforderungen an die Verpackung: Je nach Gemüsesorte erfolgen Pasteurisations- oder Sterilisationsprozesse, bei denen Temperaturen von bis zu 100 °C auf Produkt und Verpackung einwirken. Die eingesetzten Kunststoffe müssen unter diesen Bedingungen eine ausreichende thermische Stabilität und Formbeständigkeit aufweisen, sodass weder ein Aufweichen noch eine strukturelle Beeinträchtigung der Funktion auftritt. Andernfalls ist der Einsatz alternativer Materialien für Verpackungskörper und Verschlusssysteme erforderlich.
Welche Anforderungen stellt speziell der B2B-Bereich an Verpackungslösungen?
Während im B2C-Bereich häufig Glas eingesetzt wird, dominiert im B2B-Bereich Kunststoff. Neben Convenience-Aspekten spielen hierbei auch anwendungsspezifische Anforderungen an die Betriebssicherheit eine Rolle, insbesondere in Bereichen wie der Systemgastronomie. In einem Store ist zudem kein Platz, um tausende Glasgebinde zu lagern und fachgerecht zu entsorgen. Hinzu kommen die großen Mengen, die ein Industriepartner benötigt. Darüber hinaus ist Glas schwer und deshalb teuer im Transport. All dies macht Kunststoff zur bevorzugten Wahl im B2B-Bereich. Wir setzen hauptsächlich auf Eimer, Kanister und verschiedene Pouches, um größere Mengen abzufüllen und bereitzustellen.
Verpackungsentwicklung ist oft ein Balanceakt zwischen Produktschutz, Materialeinsatz, Kosten und Nachhaltigkeit. Wie finden Sie die optimale Verpackung angesichts dieser Zielkonflikte?
Es ist immer eine Einzelfallbetrachtung, die beispielsweise abhängig ist von der Füllmenge und dem Verhältnis von Produkt zu Verpackung. Aber auch andere Aspekte und Kosten haben Einfluss: Energiepreise ändern sich und Rohstoffverfügbarkeiten verschieben sich, nicht zuletzt auch durch geopolitische Ereignisse.
Wir versuchen grundsätzlich, so wenig Verpackungsmaterial wie möglich einzusetzen, also keine Überverpackung zu erzeugen und nicht über das notwendige Maß hinaus zu schützen. Gleichzeitig muss das Produkt aber ausreichend geschützt sein. Weder ist Kunststoff grundsätzlich schlecht, noch ist er immer die richtige Lösung. Wichtig ist, ein Verpackungssystem regelmäßig unter verschiedenen Gesichtspunkten zu bewerten und zu hinterfragen, ob es noch die richtige Lösung für dieses Produkt ist.
Verpackungen stehen oft in der Kritik, obwohl sie wesentlich dazu beitragen, Lebensmittelverluste zu vermeiden. Welche Rolle spielt dieser Aspekt, auch in der Kommunikation nach außen?
Wir argumentieren immer klar, warum wir welches Material einsetzen. Wir verwenden Glas oder Kunststoff nicht aus einer Laune heraus, sondern weil das Produkt, der Vertriebsweg und die Kundenanforderungen es erfordern. Auch Mindesthaltbarkeitsdaten sind ein entscheidender Faktor – auch, weil wir einen wesentlichen Teil unseres Geschäfts im Exportumfeld erwirtschaften. Lange Transportwege wirken sich auf die Verpackungswahl aus. Wir haben beispielsweise versucht, Gurken in Kunststoffbehältern statt in Glas abzufüllen. Das hat sich als nicht praktikabel erwiesen, weil die Haltbarkeit deutlich kürzer war. Glas schneidet hier besser ab, was aus Nachhaltigkeitssicht relevant ist: Weniger Lebensmittelverderb bedeutet ein länger nutzbares Produkt, weniger vermeidbarer Abfall und weniger Neuproduktion.
Inwiefern spielen der Wettbewerb und Trends im Markt eine Rolle für die Verpackungsentwicklung?
Wir beobachten, wie sich der Wettbewerb aufstellt und der Markt entwickelt. Gerade im Würzsaucen-Bereich ist beispielsweise die Squeeze-Flasche aus Kunststoff, wie für unseren Senf, ein Trend, um eine jüngere Zielgruppe anzusprechen. Je nach Kategorie und Produktionsumfeld unterscheiden sich die Voraussetzungen dafür jedoch deutlich. Sich an neue Entwicklungen anzupassen, ist deshalb immer auch eine Frage von Ressourcen, Investitionen und langfristiger Planung.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen bei der Weiterentwicklung von Verpackungen im Lebensmittelbereich?
Die PPWR bindet gerade viele Ressourcen. Sie ist ein äußerst komplexes Thema, das sich über alle Verpackungsebenen – primär, sekundär und tertiär – erstreckt. Es gibt durchaus gute Ansätze, die wir für sinnvoll halten und die umsetzbar sind. Etwa, wie sich Verpackungen recyclingfähiger gestalten lassen, gerade bei Kunststoffen im B2B-Bereich. Die Herausforderung besteht darin, recyclingfähige Verpackungslösungen zu entwickeln, die eine gewisse Mindesthaltbarkeit gewährleisten und gleichzeitig mit bestehenden Produktions- und Abfüllprozessen kompatibel sind. Das ist ein realer Zielkonflikt. Gleichzeitig gibt es Anforderungen wie die Erstellung von Konformitätserklärungen für alle Verpackungsebenen bis hin zur Palette, verbunden mit umfassender Datenerhebung. Das ist sehr bürokratisch und mit unseren mittelständischen Strukturen eine echte Herausforderung. Die Lösung kann daher nur die Digitalisierung sein.
Welche Anforderung der PPWR ist aus Ihrer Sicht die größte Hürde?
Im Lebensmittelbereich sind das klar die Rezyklateinsatzquoten. Wenn für den direkten Lebensmittelkontakt zugelassenes Rezyklat am Markt schlicht nicht verfügbar ist, sind andere Akteure in der Wertschöpfungskette gefragt, die Verfügbarkeit sicherzustellen – zu fairen Einkaufspreisen und in ausreichenden Mengen. Als Mittelständler kann es mitunter schwierig sein, bestimmte Rezyklate zu beschaffen, weil große Abnehmer bei knappen Mengen teils bessere Zugriffsmöglichkeiten haben. Hinzu kommt, dass sich am Ende alles auf den Produktpreis auswirkt.
In der öffentlichen und medialen Diskussion kann man leicht den Eindruck gewinnen, als würde Nachhaltigkeit – wenn nicht regulatorisch vorgegeben – gerade nicht mehr oben auf der Agenda stehen. Wie erleben Sie dies aktuell?
Nachhaltigkeit bleibt für uns ein zentrales Thema – unabhängig von kurzfristigen Entwicklungen oder wechselnden Prioritäten im Markt. Gleichzeitig bewegen wir uns aktuell in einem Umfeld mit vielfältigen Herausforderungen, etwa rund um Versorgungssicherheit und stabile Produktionsprozesse. Für uns geht es daher nicht um ein „Entweder-oder“, sondern darum, verschiedene Anforderungen gleichzeitig verantwortungsvoll zu steuern. In der Realität würde Nachhaltigkeit derzeit ohne regulatorischen Druck keine übergeordnete Rolle spielen, die meisten Projekt sind klar PPWR getrieben.
Wir haben Nachhaltigkeit fest in unseren Prozessen verankert und entwickeln sie kontinuierlich weiter. Bei Kühne haben wir uns beispielsweise entschieden, frühzeitig mit einer strukturierten Nachhaltigkeitsberichterstattung ab 2027 zu starten. Die dafür relevanten KPIs hinterlegen wir mit klaren Zielen. Unsere unternehmensweiten Nachhaltigkeitsziele und die daraus abgeleiteten Packaging-Ziele orientieren sich eng an den regulatorischen Rahmenbedingungen und werden laufend weiterentwickelt. Bis 2030 sollen alle Produktverpackungen recyclingfähig sein und möglichst mindestens 30 Prozent Recyclingmaterial enthalten, da haben wir uns in Sachen Nachhaltigkeit einiges vorgenommen.
Vielen Dank für das spannende Gespräch, Frau Hoyer.
Über Maxi Hoyer
Maxi Hoyer hat nach dem Abitur Verpackungstechnik an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig im Bachelor- und Masterstudiengang studiert. Schnell zeigte sich ihre Begeisterung für Lebensmittel und ihre Verpackungen: Bei der Hamburger Verpackungsagentur Brandpack entwickelte sie für ihre Bachelorarbeit eine nachhaltige Müsliverpackung ohne Kunststoffbeutel auf Basis von Barrierepapieren. Ihre Masterarbeit schrieb sie bei Coppenrath & Wiese in Osnabrück, wo sie ein Excel-basiertes Bewertungstool für die nachhaltige Weiterentwicklung von Tiefkühltortenverpackungen erarbeitete. Nach dem Studium war sie zunächst wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HTKW Leipzig und startete dann als Juniorverpackungsentwicklerin bei der Carl Kühne KG in Hamburg. Dort übernahm sie schnell mehr Verantwortung und setzt heute vielseitige Projekte um.
Über die Carl Kühne KG
Die Carl Kühne KG (GmbH & Co.) ist ein unabhängiges Familienunternehmen mit Sitz in Hamburg und steht seit 1722 für echten Geschmack, hohe Qualität und verantwortungsvolles Handeln. Als Familienunternehmen in 11. Generation verbindet Kühne Tradition mit Innovationskraft und entwickelt sein Sortiment kontinuierlich weiter.
Zum Portfolio gehören unter anderem Essig, Gurken und Senf sowie Dressings und Grillsaucen. Mit dem Leitgedanken „We Love True Taste“ verfolgt Kühne das Ziel, Genuss und Verantwortung in Einklang zu bringen – für Produkte, die nicht nur gut schmecken, sondern auch zukunftsfähig sind.