Allgemein, Im Dialog

„Kunststoff ist oft die bessere Lösung, wenn man ihn richtig einsetzt“

Letzte Aktualisierung: 11.05.2026

Key Citation von Laura Gascho - Schubert Group

Wie lassen sich Produktschutz, Nachhaltigkeit und öffentliche Erwartungen wirklich in Einklang bringen? Laura Gascho, Expertin für flexible Verpackungen bei der Schubert Group, spricht über Mythen rund um Papier und Kunststoff. Zudem erklärt sie, warum es keine pauschalen Lösungen gibt und in welchen Fällen Kunststoff seine Stärken besonders ausspielen kann.

Frau Gascho, wenn Sie über „nachhaltige Verpackungen“ sprechen, was meinen Sie konkret?

Nachhaltigkeit in der Verpackung ist kein einzelnes Kriterium, sondern immer eine Abwägung. Für mich steht an erster Stelle die Funktion: Verpackungen, insbesondere für Lebensmittel, müssen das Produkt schützen. Das bedeutet vor allem, dass sie eine ausreichende Barriere bieten, zum Beispiel gegen Sauerstoff oder Feuchtigkeit.

 

Man darf nicht vergessen: Der CO₂-Fußabdruck des verpackten Produkts ist in den meisten Fällen deutlich höher als der der Verpackung selbst. Wenn eine Verpackung also verhindert, dass Lebensmittel verderben und weggeworfen werden, ist das ein enormer Nachhaltigkeitshebel. Deshalb ist eine nachhaltige Verpackung für mich die, die genau das leistet – mit möglichst wenig Material, möglichst gut recyclingfähig und angepasst an den konkreten Anwendungsfall. Pauschale Lösungen gibt es nicht.

Papier gilt in der öffentlichen Wahrnehmung oft als besonders nachhaltige Verpackungslösung. Wie ordnen Sie die Rolle von Papier und Kunststoff im direkten Vergleich ein?

Papier wird von Verbraucherinnen und Verbrauchern oft automatisch als nachhaltig wahrgenommen. Steigt man tiefer ein, stellt man schnell fest, dass viele Anwendungen, gerade im Lebensmittelbereich, eine gewisse Barriere benötigen. Diese lässt sich mit Papier allein häufig nicht darstellen, sondern es braucht spezielle Beschichtungen. Gleichzeitig werden Papierverpackungen oft stark veredelt, beispielsweise durch Lacke. Beides schränkt die Recyclingfähigkeit stark ein. Hinzu kommt, dass für Lebensmittelverpackungen in der Regel Frischfaser eingesetzt wird, also kein recyceltes Material. Dafür werden Bäume gefällt.

 

Papier hat absolut seine Berechtigung, etwa bei Anwendungen mit niedrigen Barriere-Anforderungen oder als Sekundärverpackung. Aber die Vorstellung, dass Papier per se die nachhaltigere Lösung ist, greift zu kurz.

In der öffentlichen Diskussion werden oft alternative Materialien zu Kunststoffen ins Spiel gebracht. Wann sind diese die beste Lösung und wann lohnt sich ein Blick auf Alternativen?

Das hängt immer stark vom Anwendungsfall ab. Sobald ich eine mittlere bis hohe Barriere brauche, etwa bei Lebensmitteln, ist Kunststoff meist die bessere Lösung, wenn man ihn richtig einsetzt. Gerade Monomaterialien sind hier sehr sinnvoll, weil sie funktional stark sind und gleichzeitig besser recycelt werden können.

 

Es gibt aber auch Anwendungen, bei denen Kunststoff keinen Mehrwert bringt. Zum Beispiel bei Umverpackungen oder Multipacks, wo zusätzliches Material eingesetzt wird, ohne dass es funktional notwendig ist. Hier sind papierbasierte Lösungen oft die bessere Wahl.

 

Alternative Materialien wie Algen oder biobasierte Kunststoffe sind spannend, aber aktuell noch nicht breit einsetzbar. Das größte Problem ist die Skalierbarkeit: Viele dieser Lösungen funktionieren im kleinen Maßstab, sind aber industriell noch nicht verfügbar oder wirtschaftlich darstellbar. Trotzdem ist es wichtig, diese Entwicklungen weiter voranzutreiben.

Packaging Competence Center - Gerhard Schubert GmbH und Berliner Verpackungsberatung Berndt+Partner Group
Gerhard Schubert GmbH und Berliner Verpackungsberatung Berndt+Partner Group

Packaging Competence Center: Verpackung neu denken

Die Schubert Group denkt Verpackung ganzheitlich – und genau hier setzt ihr Packaging Competence Center an. Ziel ist es, gemeinsam mit Kunden Lösungen zu entwickeln, die Produktschutz, Nachhaltigkeit und Effizienz zusammenbringen. Dafür werden Materialien, wie Monomaterial oder alternative Packstoffe, optimiert und Designs sowie Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette analysiert, hinterfragt und neu gedacht.

Die Kunststoffindustrie entwickelt sich rasant weiter. Welche Innovationen werden Verpackungen in den kommenden Jahren besonders verändern?

Ein zentraler Trend ist der Wechsel von Verbundmaterialien hin zu Monomaterialien, weil diese deutlich besser recycelbar sind. Das stellt uns vor neue Herausforderungen, weil wir die gleichen funktionalen Anforderungen mit weniger Materialkomplexität erfüllen müssen.

Was Materialien angeht, sehen wir insgesamt viele neue Entwicklungen und testen diese auch. Aber klassische Kunststoffe sind in vielen Anwendungen noch überlegen, weil sie über Jahrzehnte optimiert wurden.

 

Gleichzeitig erleben wir insgesamt einen enormen Innovationsdruck. Themen wie Automatisierung, Robotik oder auch KI spielen eine immer größere Rolle, insbesondere im Maschinenbau und in der Verarbeitung.

Wo sehen Sie aktuell den größten Hebel, um Verpackungen noch nachhaltiger zu gestalten?

Ein großer Hebel ist das Thema Overpackaging, also unnötig viel Material oder zu große Verpackungen. Das sieht man häufig bei Multipacks oder bei Verpackungen mit viel Leerraum. Ein weiterer Punkt sind überzogene Anforderungen an die Haltbarkeit. Oft werden sehr hohe Barrieren aufgebaut, um lange Mindesthaltbarkeiten zu erreichen, obwohl das im realen Verbrauch gar nicht notwendig ist. Ein Beispiel sind Kaffeekapseln: Sie werden häufig auf eine Haltbarkeit von bis zu einem Jahr ausgelegt, obwohl sie in der Praxis meist deutlich schneller verbraucht werden. Die dafür eingesetzten Materialien und Barrieren sind also tendenziell überdimensioniert.

 

Hier müsste man die gesamte Wertschöpfungskette noch einmal neu bewerten und bestehende Prozesse hinterfragen. Viele Anforderungen sind historisch gewachsen und werden selten grundsätzlich überprüft.

Wie beeinflussen regulatorische Unsicherheiten – etwa rund um die PPWR – aktuell Investitionsentscheidungen und Nachhaltigkeitsstrategien Ihrer Kunden?

Nachhaltigkeit ist nach wie vor ein zentrales Thema und wird es auch bleiben. Viele Unternehmen arbeiten aktiv an entsprechenden Lösungen. Gleichzeitig gibt es eine große Unsicherheit, weil die regulatorischen Anforderungen der PPWR noch nicht in allen Details klar sind. Unternehmen müssen heute Investitionen tätigen, teilweise in Millionenhöhe, ohne genau zu wissen, wie die zukünftigen Vorgaben aussehen. Das macht Entscheidungen schwierig und führt dazu, dass Projekte teilweise vorsichtiger angegangen werden.

 

Regulierung ist aber trotzdem ein wichtiger Hebel. Viele freiwillige Ziele wurden in der Vergangenheit nicht erreicht. Verbindliche Vorgaben helfen, den Markt in eine Richtung zu lenken. Gleichzeitig braucht es deutlich mehr Aufklärungsarbeit: Viele Entscheidungen, insbesondere auf Verbraucherseite, basieren auf vereinfachten Annahmen, etwa dass bestimmte Materialien grundsätzlich nachhaltiger sind. Dabei wird nicht berücksichtigt, welche Funktion eine Verpackung erfüllen muss. Hier sehe ich eine klare Lücke: Die Vorteile von Kunststoff, beispielsweise beim Produktschutz oder bei der Ressourceneffizienz, sind bei Konsumentinnen und Konsumenten einfach nicht bekannt.

„An der Kunststoffbranche reizt mich vor allem die Möglichkeit, wirklich Einfluss zu nehmen. Ich habe lange mit meinem Beruf gehadert, weil ich mich mit Verpackung und Kunststoff beschäftige – also mit einem Thema, das oft kritisch gesehen wird. Heute sehe ich das anders. Durch die Nachhaltigkeitsanforderungen kann ich aktiv daran mitarbeiten, Dinge zu verbessern und Entwicklungen in eine sinnvollere Richtung zu lenken. Das ist ein echter Hebel. Außerdem ist meine Arbeit unglaublich vielseitig. Ich bekomme Einblicke in Produktionsprozesse, sehe, wie Produkte entstehen und verpackt werden, das ist wirklich spannend und macht den Reiz unserer Branche aus.“

Laura Gascho

Expertin für flexible Verpackungen bei der Schubert Group

Viele Industriebranchen suchen dringend Nachwuchs. Wie erleben Sie die Situation im Bereich Kunststoff- und Verpackungstechnik?

Wir merken den Fachkräftemangel auch. Ich habe aber das Gefühl, dass viele junge Menschen gar nicht genau wissen, was diese Branche eigentlich macht. Sie ist für viele eine Blackbox: Sie sehen die Verpackung, aber nicht die komplexen Prozesse, die dahinterstecken.

 

Dabei ist die Branche extrem innovativ und entwickelt sich sehr dynamisch. Gerade weil sie aktuell so stark im Fokus steht, passiert unglaublich viel, technologisch und inhaltlich. Was oft unterschätzt wird ist auch, dass man sehr direkte Einblicke in unterschiedlichste Industrien und Herstellungsprozesse bekommt.

 

Besonders toll finde ich, dass man hier wirklich etwas bewegen kann. Gerade im Bereich Nachhaltigkeit hat man die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und Lösungen aktiv mitzugestalten. Diese Selbstwirksamkeit ist ein großer Pluspunkt der Branche.

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Frau Gascho.

Laura Gascho Verpackungsexpertin bei der Schubert Group in der Verpackungsentwicklung
Schubert Group

Über Laura Gascho

Laura Gascho ist Expertin für flexible Verpackungen. Studiert hat sie Verfahrenstechnik mit Schwerpunkt Papier und Verpackung in München. Bereits während ihres Studiums ging sie zur Gerhard Schubert GmbH, um dort ihre Diplomarbeit zu schreiben. Beruflich stieg sie vor 16 Jahren dort zunächst im Vertrieb ein, bevor sie ihre wahre Leidenschaft in der Technik fand. Ihre Arbeit verbindet technisches Know-how mit einem klaren Fokus auf nachhaltige und zukunftsfähige Verpackungslösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

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Über die Gerhard Schubert GmbH

Die Gerhard Schubert GmbH ist weltweit anerkannter Marktführer für Top-Loading-Verpackungsmaschinen (TLM). Das Familienunternehmen aus Crailsheim (Baden-Württemberg, Deutschland) entwickelt und baut Verpackungsmaschinen für Produkte jeglicher Art und Branche – von Lebensmitteln, Süßwaren, Getränken, Pharmazeutika und Kosmetik bis hin zu technischen Artikeln – in Trays, Kartons, Schachteln oder in Schlauchbeutel.

Gegründet im Jahr 1966 beschäftigt die heute in zweiter Generation geführte Unternehmensgruppe 1900 Mitarbeiter weltweit.

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