Im Dialog

„Die beste Verpackung bringt nichts, wenn sie im falschen Behälter landet“

Letzte Aktualisierung: 02.06.2026

Headerbild: Felix Badura, Geschäftsführer der Digi-Cycle GmbH im Dialog mit sicherverpackt
digi-Cycle

Felix Badura ist Geschäftsführer der Digi-Cycle GmbH, einem Anbieter digitaler Lösungen für bessere Mülltrennung und funktionierende Stoffkreisläufe. Er treibt die Idee voran, Recycling durch leicht zugängliche, ortsbezogene Informationen für Verbraucherinnen und Verbraucher zu vereinfachen. Im Interview spricht er über die Rolle digitaler Tools in der Kreislaufwirtschaft, Herausforderungen entlang der Wertschöpfungskette und darüber, wie bessere Information zu messbar besseren Recycling-Ergebnissen beitragen kann.

Herr Badura, Sie haben mit Digi-Cycle ein digitales Informations- und Incentive-System rund um Mülltrennung und Recycling aufgebaut. Wie funktioniert das System konkret und welchen Ansatz verfolgen Sie?

Technisch ist Digi-Cycle eine Datenplattform, die drei Ebenen miteinander verknüpft: Produkte und ihre Verpackungskomponenten auf der einen Seite, regionale Sammel- und Sortierregeln auf der anderen – verbunden durch eine Logik, die daraus komponentenspezifische Handlungsanweisungen ableitet.

 

Konkret bedeutet das: Verbraucherinnen und Verbraucher suchen oder scannen ein Produkt und erhalten keine pauschale Angabe wie „Gelber Sack“, sondern differenzierte Hinweise, etwa „Deckel abtrennen, Folie getrennt entsorgen und separat in die Leichtverpackung“. Diese Informationen sind ortsbezogen, da sich Sammelsysteme je nach Kommune oder Land unterscheiden.

 

Unsere Datenbank umfasst aktuell mehr als 1.000 Abfallarten, rund 50.000 Markenprodukte sowie über 500.000 Sammelstellen weltweit und ist in mittlerweile mehr als 30 Sprachen verfügbar.

Digi-Cycle - Erklärung 3 Steps
digi-Cycle

Schritt 1
Der erste Schritt ist schnell geschafft: Einfach den Barcode scannen oder nach einem Produkt suchen.

 

Schritt 2
Der Digi-Cycle Recycling Guide zeigt, wie die Verpackung in der jeweiligen Region aufgetrennt und korrekt entsorgt gehört um die Wertstoffe dem Recycling zuzuführen.

 

Schritt 3
Auf der Karte findet man anschließend gleich den passenden Sammelcontainer. Bei ausgewählten Produkten kann man durch den Nachweis der Entsorgung Prämienpunkten sammeln, die man für attraktive Vorteilsangebote nutzen kann.

Die Kunststoffindustrie steht aktuell unter starkem regulatorischem Druck, etwa durch PPWR und Verpackungsgesetz. Gleichzeitig fehlt es an hochwertigen Rezyklaten. Wo liegen aus Ihrer Sicht die zentralen Ursachen für diese Lücke?

Auch wenn die aktuellen Ölpreise das Preisgefüge derzeit beeinflussen, war der Einsatz von Rezyklaten in den vergangenen Jahren häufig teurer als Virgin-Material. Gleichzeitig ging die Beimischung oder der Umstieg auf Rezyklate oft mit höheren Anforderungen in der Prozessführung einher. Verlässlich planbar wird ihr Einsatz erst dann, wenn Rezyklate dauerhaft in stabiler und anwendungsgerechter Qualität verfügbar sind.

 

In den letzten Jahren haben zahlreiche Projekte entlang der Wertschöpfungskette dazu beigetragen, die Lücke zwischen Soll- und Ist-Zustand bei der Qualität zu verkleinern. Flankiert wurde dies durch Investitionen in moderne Sortier- und Aufbereitungsanlagen, etwa die TriPlast in Ennshafen, die inzwischen mehr als 20 Output-Fraktionen trennt und perspektivisch durch eine Nachsortieranlage weiter optimiert wird.

 

Die PPWR schreibt zwar Mindesteinsatzquoten ab 2030 vor, dennoch zögern viele Unternehmen angesichts des hohen Kostendrucks, bereits heute umzustellen. Vorgezogene Bonusmodelle für den Rezyklateinsatz könnten hier zusätzliche Anreize schaffen.

Ein oft genannter Faktor ist die fehlerhafte Mülltrennung durch Verbraucherinnen und Verbraucher. Welche konkreten Auswirkungen hat dieses Verhalten auf die Qualität von Stoffströmen und das Recycling in der Praxis?

Jede Fehlsortierung wirkt sich an zwei Stellen aus, beide sind ökonomisch relevant. In der Sortieranlage erhöhen Störstoffe den Aufwand, senken die Ausbeute und führen dazu, dass wertvolle Fraktionen im Reject landen, also in der energetischen Verwertung statt im stofflichen Kreislauf.

 

Noch gravierender sind die Auswirkungen auf die Qualität: Fehlsortierte Verbunde oder stark verschmutzte Verpackungen verunreinigen sortierte Fraktionen. Sie zwingen Recycler im Worst Case zu Downcycling-Anwendungen, anstatt Kreisläufe auf gleichem Niveau schließen zu können.

 

Ein anschauliches Beispiel: Bei einem TV-Dreh wurden Passanten auf der Straße gefragt, wo ein Getränkekarton zu entsorgen sei. Die erste Antwort lautete Altpapier, die zweite Restmüll und erst die dritte Person nannte die gelbe Tonne.

 

Repräsentative Studien zeichnen zwar ein besseres Bild. Doch landet ein Getränkekarton im Restmüll, gehen – von wenigen Ausnahmen mit Restmüllsplitting abgesehen – wertvolle Ressourcen für den Kreislauf verloren. Fehlsortierung ist damit nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch ein erheblicher Wertverlust im System.

Mit dem DigiDot hat Digi-Cycle gemeinsam mit dem Grünen Punkt einen digitalen Sorting Guide entwickelt. Wie funktioniert er im Alltag der Verbraucherinnen und Verbraucher?

Bleiben wir beim Getränkekarton als Beispiel: In Skandinavien ist die Entsorgung im Altpapier tatsächlich korrekt, während es in Teilen Tschechiens eigene orange Tonnen ausschließlich für Getränkekartons gibt. Hersteller mit international vertriebenen Produkten stehen damit vor der Herausforderung, alle relevanten Entsorgungsinformationen überhaupt noch verständlich auf die Verpackung zu bringen, insbesondere, wenn diese in bis zu 31 Ländern mit jeweils unterschiedlichen Sammelsystemen und Sprachen gültig sein sollen. Die PPWR setzt hier künftig zwar auf Material-Icons, empfiehlt aber ergänzend die Bereitstellung konkreter Entsorgungswege über QR-Codes.

 

Genau hier setzt der DigiDot an: Verbraucherinnen und Verbraucher scannen ihn einfach mit der Smartphone-Kamera – ganz ohne App – und erhalten innerhalb weniger Sekunden komponentenspezifische, ortsgenaue Entsorgungs- und Sortierhinweise in ihrer jeweiligen Sprache. Da die Inhalte produktspezifisch angepasst werden können, lassen sich neben regionalen Besonderheiten auch erklärungsbedürftige Verpackungen gezielt verständlich machen.

DigiDot - The Digital Sorting Guide
Der Grüne Punkt

Der DigiDot richtet sich nicht nur an Endverbraucherinnen und -verbraucher, sondern auch an Unternehmen. Welche Verantwortung tragen Hersteller und Marken für funktionierende Stoffkreisläufe und wo liegen die größten Hebel?

Hersteller verfügen über mehrere zentrale Hebel zur Steigerung der Recyclingquoten: Design-for-Recycling am Anfang des Produktlebenszyklus, präzise Verpackungsstammdaten (die mit der PPWR faktisch verpflichtend werden) im Hintergrund sowie eine wirksame Verbraucherkommunikation am Lebensende der Verpackung.

 

Der wichtigste Hebel liegt nach wie vor im Design, da hier die technischen Voraussetzungen für ein funktionierendes Recycling überhaupt erst geschaffen werden. Der zweitgrößte Hebel ist die Kommunikation: Selbst die recyclingfähigste Verpackung entfaltet keinen Nutzen, wenn sie im falschen Behälter landet. Genau an diesem Punkt verfügen Marken über einen entscheidenden Vorteil gegenüber Kommunen und Systemen – ein direktes Vertrauensverhältnis zu ihren Endkundinnen und Endkunden.

Viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, regulatorische Anforderungen zu erfüllen und gleichzeitig wirtschaftlich zu bleiben. Welchen konkreten Mehrwert bietet der DigiDot, etwa im Hinblick auf PPWR-Vorgaben, Verbraucherkommunikation und messbare Effekte?

Die PPWR schreibt ab 2028 verbindliche, harmonisierte und verbrauchergerechte Sortier- und Entsorgungshinweise auf Verpackungen vor. Wer versucht, diese Anforderungen verständlich mit statischen Symbolen und mehrsprachigen Texten für mehrere Länder abzubilden, stößt schnell an physische und kommunikative Grenzen, denn auf einer 50-ml-Tube ist dafür oft schlicht kein Platz.

 

Der DigiDot löst dieses Problem über einen einzigen QR-Code, der regional- und sprachsensibel genau die Informationen bereitstellt, die im jeweiligen Markt erforderlich sind. Gleichzeitig zeigen Befragungen, dass Nachhaltigkeitsinformationen, insbesondere bei Verpackungen, eine relevante Rolle für Kaufentscheidungen spielen. So werden regulatorische Anforderungen und Markenkommunikation nicht länger als getrennte Kostenfaktoren betrachtet, sondern zu einem gemeinsamen strategischen Hebel.

Ein zentrales Versprechen ist die Verbesserung von Recyclingquoten durch bessere Information. Gibt es bereits Erkenntnisse oder Erfahrungen, wie digitale Tools wie der DigiDot das Verhalten von Nutzerinnen und Nutzern verändern?

In Österreich verfügen wir inzwischen über belastbare Indikatoren, auch wenn ich bei kausalen Aussagen bewusst vorsichtig bin. Die App wurde bislang über 50.000 Mal heruntergeladen, gleichzeitig sind die Sammelmengen in den vergangenen Jahren insgesamt gestiegen.

 

Den direkten Einfluss der App können wir zwar nicht eindeutig isolieren, doch qualitative Rückmeldungen, etwa aus App-Store-Bewertungen, zeichnen ein konsistentes Bild: Konsumentinnen und Konsumenten berichten, dass sie bestimmte Verpackungen seit der Nutzung gezielter und anders entsorgen als zuvor.

 

Das deckt sich mit Erkenntnissen aus der Umweltpsychologie: Konkretes Handlungswissen im entscheidenden Moment ist deutlich wirksamer als allgemeine, abstrakte Aufklärungskampagnen.

Der DigiDot verbindet Verbraucherinformation mit Markenkommunikation. Wo sehen Sie die Grenze zwischen sinnvoller Aufklärung und zusätzlicher Komplexität auf der Verpackung?

In den vergangenen Jahren haben wir einen deutlichen Anstieg an Nachhaltigkeits- und Recyclingaussagen auf Verpackungen gesehen. Die Folge: Mit EmpCo und PPWR stellt die EU künftig höhere Anforderungen an Substanz und Transparenz dieser Informationen. Unternehmen, die hier defensiv agieren, verzichten teilweise ganz auf entsprechende Angaben, selbst dann, wenn diese von Konsumentinnen und Konsumenten gewünscht sind.

 

Genau hier setzt der DigiDot an: als platzsparende Lösung, um sowohl gesetzlich vorgeschriebene als auch von Verbraucherinnen und Verbrauchern gewünschte Informationen gebündelt bereitzustellen. Der zentrale Vorteil liegt darin, dass sich diese Inhalte sprach- und ortsspezifisch ausspielen lassen, ohne den begrenzten Platz auf der Verpackung zusätzlich zu belasten.

Was muss passieren, damit aus Initiativen wie dem DigiDot ein flächendeckender Standard wird? Und welche Rolle sollten Industrie und Politik dabei übernehmen?

Wir erleben viel positiven Zuspruch aus der Industrie. Gleichzeitig warten viele Unternehmen noch auf die delegierten Rechtsakte der EU, bevor sie ihre Verpackungen anpassen. Wünschenswert wäre hier eine pragmatische Auslegung, in der digitale Informationsträger nicht nur als Add-on gelten, sondern – etwa bei kleinen Verpackungen mit begrenztem Platz – als gleichwertiger Kennzeichnungsweg anerkannt werden.

 

Eine JRC-Studie zum Thema Labelling zeigt zudem, dass sich bereits im vergangenen Jahr 65 Prozent der Befragten für einen QR-Code zur Entsorgung auf der Verpackung ausgesprochen haben. Dieses Signal ist auch in der Industrie angekommen, viele Unternehmen möchten diesen Erwartungen künftig entsprechen.

Felix Badura, Geschäftsführer der Digi-Cycle GmbH
digi-Cycle

Über Felix Badura

Felix Badura ist Geschäftsführer der Digi-Cycle GmbH und verfügt über langjährige Erfahrung im digitalen Marketing und in der IT. Nach seinem Studium gründete er in Berlin gemeinsam mit Partnern ein Online-Marketing-Startup, das später erfolgreich verkauft wurde. Anschließend war er rund zehn Jahre in der Branche tätig.

 

Auf der Suche nach einem Tätigkeitsfeld mit größerem gesellschaftlichem Impact wechselte er nach Österreich, wo er im Umfeld des Sammel- und Verwertungssystems ARA an der Entwicklung eines regional differenzierten Informationssystems für die Verpackungssammlung mitwirkte. Aus diesem Projekt ist die Digi-Cycle GmbH entstanden, die Anfang 2026 Teil der Green Dot Gruppe wurde.

Über Digi-Cycle GmH

Die Digi-Cycle GmbH ist ein österreichisches Unternehmen im Bereich Kreislaufwirtschaft, das digitale Lösungen zur Verbesserung von Recycling und Mülltrennung entwickelt. Hervorgegangen aus einem Projekt im Umfeld von Altstoff Recycling Austria (ARA) und Saubermacher, unterstützt Digi-Cycle Kommunen, Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger dabei, Abfälle korrekt und effizient zu entsorgen. Seit Anfang 2026 ist das Unternehmen ein Teil der Green Dot Gruppe.

 

Kern des Angebots ist ein digitales Informationssystem, das über eine App produktspezifische und regional gültige Trennhinweise liefert und so Unsicherheiten bei der Entsorgung reduziert. Ergänzend setzt Digi-Cycle auf nutzerfreundliche Ansätze und Anreize, um die aktive Beteiligung am Recycling zu fördern. Ziel ist es, Recycling einfacher, transparenter und alltagstauglicher zu machen und so einen Beitrag zu höheren Recyclingquoten und einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft zu leisten.

Downloads

Artikel teilen

Artikel bewerten

Im Dialog

Die Interviewreihe rund um Kunststoff, Recycling, Klima- und Umweltschutz

Zu den Interviews