Nachhaltigkeit ist bei Tchibo längst kein Trendthema mehr, sondern fester Bestandteil der Verpackungsstrategie. Hinter den sichtbaren Produktinnovationen steckt ein komplexes Zusammenspiel aus Materialentwicklung, Maschinentechnologie und Datenmanagement. Im Interview erläutern Helena Teuber von Staden, Team Lead Coffee Packaging, und Marius-Konstantin Wiche, Leiter Verpackungstechnologie, wie unsichtbare Innovationen in Material, Maschine und Datenmanagement die Zukunft der Kaffeeverpackung prägen und warum neue Denkweisen dabei entscheidend sind.
Wenn ein Kunde heute auf eine Tchibo-Kaffeeverpackung schaut – welche Innovationen für mehr Nachhaltigkeit sind unsichtbar, aber entscheidend?
Helena Teuber von Staden: Viele unserer Fortschritte liegen in der Materialoptimierung. So reduzieren wir beispielsweise Foliendicken oder setzen leichtere Folien ein, die den Produktschutz auf gleichem Niveau halten. Auch die Entwicklung recycelbarer Materialstrukturen ist für den Kunden nicht direkt ersichtlich. Hinzu kommen unsichtbare Anpassungen im Design oder Farbaufbau, die eine verbesserte Sortierbarkeit im Recyclingprozess erst ermöglichen.
Marius-Konstantin Wiche: Wir verfolgen hier einen ganzheitlichen Ansatz. Ergänzend zu den Anpassungen bei unseren Verkaufsverpackungen, sind Änderungen an unseren Maschinen sowie an den Sammel- und Transportverpackungen entscheidend. Nur so können wir Nachhaltigkeit umfassend voranbringen. Konkret reduzieren wir auf Maschinenebene den Energieverbrauch durch geringere Temperaturen und kürzere Siegelzeiten. Zudem optimieren wir, wo immer möglich, die Länge der Verpackungsabschnitte, um Material einzusparen.
Über Helena Teuber von Staden
Helena Teuber von Staden ist seit 2018 bei Tchibo und leitet als Team Lead Coffee Packaging die Entwicklung nachhaltiger und innovativer Kaffeeverpackungslösungen. Nach ihrem Einstieg bei Tchibo im Bereich Kaffeekapselentwicklung verlagerte sich ihr Fokus zunehmend auf nachhaltige Materialien, Kreislaufwirtschaft und die regulatorische Umsetzung, etwa im Rahmen der PPWR. Ihr Ziel ist es, Verpackungslösungen zu gestalten, die ökologisch sinnvoll, technisch machbar und wirtschaftlich tragfähig sind, um Nachhaltigkeit praxisnah und ganzheitlich zu gestalten.
Welche Entwicklungen und Technologien finden Sie aktuell besonders spannend – auch im Hinblick auf den EU Green Deal?
Helena Teuber von Staden: Besonders spannend sind für mich zwei Bereiche: Einerseits die Entwicklung funktionaler Barrieren auf Monomaterialbasis und andererseits Technologien, die den Einsatz von Rezyklaten ermöglichen, um echte Kreisläufe zu schließen. Der EU Green Deal und die PPWR wirken hier als massiver Innovationstreiber, da sie Recycelbarkeit von einem Wettbewerbsvorteil zu einer Obligation machen. Das definiert Innovationsfelder neu und verändert unser ganzheitliches Verständnis von Verpackung entlang der Lieferkette.
Marius-Konstantin Wiche: Ganz klar, auf Materialebene bewegt sich aktuell sehr viel. Parallel dazu sehe ich eine spannende Entwicklung durch das Verschmelzen von KI und Datenmanagement mit der Materialwissenschaft. Das führt zu einer Weiterentwicklung der gesamten Supply Chain. Es entstehen neue Tools, die uns konkret dabei unterstützen, die Anforderungen des EU Green Deals mit unseren Verpackungen abzugleichen und zielgerichtete Weiterentwicklungen abzuleiten.
Über Marius-Konstantin Wiche
Marius-Konstantin Wiche ist seit 2020 bei Tchibo und verantwortet seit Januar die fachliche Leitung im Bereich Verpackungstechnologie. Dort sorgt er gemeinsam mit seinem Team dafür, dass die entwickelten Verkaufsverpackungen reibungslos in die Produktion überführt werden, inklusive der nötigen Maschinenanpassungen. Der Maschinenbauingenieur begeistert sich seit seinem Einstieg bei Tchibo für Verpackungsthemen und arbeitet aktuell daran, durch gezieltes Datenmanagement und Analysen fundierte, datengetriebene Entscheidungen zu ermöglichen. Sein Ziel: Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und technische Umsetzbarkeit in Einklang bringen.
Welche Rolle spielen Monomaterialien und Rezyklate in Tchibos Verpackungsstrategie und wo liegen die größten technischen Hürden?
Helena Teuber von Staden: Die PPWR wird die Entwicklung recyclingfähiger Monomaterialien zum Standard in der Verpackungsindustrie machen. Unser Fokus liegt darauf, funktionale Barrieren und Schutzanforderungen innerhalb einfacher Kunststoffstrukturen abzubilden. Die größte technische Hürde, insbesondere bei Kaffee, ist die Sauerstoffbarriere. Hier ist intensive Entwicklungsarbeit erforderlich, um nachhaltige Alternativen zur bisherigen Aluminiumbarriere zu etablieren.
Marius-Konstantin Wiche: Ergänzend dazu besteht die zentrale technische Herausforderung darin, den Spagat zwischen Produktschutz, Recyclingfähigkeit und Maschinengängigkeit zu meistern. Die neuen Materialien reagieren auf unseren Anlagen empfindlicher. Was Rezyklate angeht, wollen wir diese einsetzen, wo immer es möglich ist. Während regulatorische Gründe den Einsatz in Verkaufsverpackungen aktuell limitieren, testen wir Rezyklate umfassend für unsere Sammel- und Transportverpackungen, zum Beispiel bei Klebebändern, Schrumpf- und Stretchfolien.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen in der Kunststoffverpackungsindustrie und welche Rolle spielen junge Talente?
Helena Teuber von Staden: Die größte Herausforderung ist, Ökologie, Ökonomie und technische Machbarkeit simultan zu erfüllen. Das erfordert ein grundlegend neues Denken in Wertschöpfungsketten. Junge Talente sind hierbei sehr wichtig, da sie frische Perspektiven und Bereitschaft zum Umdenken mitbringen. Wenn wir ihnen den Raum für interdisziplinäres Arbeiten geben – beispielsweise durch die Verknüpfung von Materialwissenschaft, Datenanalyse und Nachhaltigkeitspolitik – dann können sie die notwendige Transformation vorantreiben.
Marius-Konstantin Wiche: Ich sehe es ebenfalls als zentrale Herausforderung, bestehende Glaubenssätze aufzubrechen. Viele Prozesse laufen seit Jahrzehnten auf eine bestimmte Weise. Angesichts neuer regulatorischer Anforderungen müssen wir vieles neu denken und unkonventionelle Herangehensweisen entwickeln. Es gilt, den Blick über die Details hinaus auf den Gesamtzusammenhang zu richten. Dafür sind junge Talente unerlässlich, denn sie bringen andere Handlungsperspektiven ein und hinterfragen bestehende Abläufe konstruktiv.
Über Tchibo:
Tchibo bietet über sein Multichannel-Vertriebssystem neben Kaffee und den Einzelportionssystemen Cafissimo und Qbo wöchentlich wechselnde Non–Food-Sortimente und Dienstleistungen an. In acht Ländern betreibt das Unternehmen rund 900 Filialen und lokale Online-Shops. Deutschlandweit ist Tchibo zusätzlich in rund 16.000 Depots im Fach- und Lebensmittelhandel vertreten, in rund 8.000 davon werden auch Gebrauchsartikel angeboten. Das 1949 in Hamburg gegründete Familienunternehmen erzielte 2024 mit international 10.452 Mitarbeitenden 3,36 Milliarden Euro Umsatz. Tchibo ist Röstkaffee-Marktführer in Deutschland, Österreich, Tschechien und Ungarn und gehört zu den führenden E-Commerce-Firmen in Europa. Für seine nachhaltige Geschäftspolitik wurde das Unternehmen national und international mehrfach ausgezeichnet.
Nachhaltige Kunststoffverpackungen mit dem PackTheFuture Award 2023 ausgezeichnet
Kunststoffverpackungen im Wandel: Aufholjagd bei Recyclingquoten / Trendwende beim Verbrauch