Im Dialog

„Verpackung ist eine faszinierende Verbindung aus Technik, Design und Verantwortung.“

Im Dialog: Prof. Dr. Rainer Brandt „Verpackung ist eine faszinierende Verbindung aus Technik, Design und Verantwortung.“

Prof. Dr. Rainer Brandt ist Professor für Verpackungstechnologie an der Hochschule Hannover. Nach seinem Chemiestudium und fast zwei Jahrzehnten in der Industrie, lehrt er seit 2009 im Fachbereich Maschinenbau und Bioverfahrenstechnik. Dort verbindet er technisches Know-how mit dem Anliegen, jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren zu vermitteln, dass Verpackung eine wichtige Voraussetzung für sichere, nachhaltige Ernährungssysteme ist.

 

Herr Prof. Brandt, der Studiengang Future Food Systems ist noch jung und verbindet Lebensmittel- und Verpackungstechnologie (LVT). Was war der Gedanke dahinter?

Unsere Motivation war klar: Wir wollten einen Studiengang schaffen, der die gesamte Wertschöpfungskette des Lebensmittels abbildet, von der Herstellung über den Schutz bis zur Vermarktung. Lebensmittel und Verpackung gehören untrennbar zusammen.

 

Im neuen Studiengang Future Food Systems lernen die Studentinnen und Studenten drei Semester naturwissenschaftliche, technische und gestalterische Grundlagen, bevor sie sich auf Lebensmittel oder Verpackung spezialisieren. Diese gemeinsame Basis erleichtert die Orientierung und fördert den Austausch zwischen Technik, Design und Logistik, genau die Interdisziplinarität, die die Branche braucht. Zugleich wollten wir das Thema Verpackung attraktiver machen. Trotz seines schwierigen Images bietet es vielseitige und kreative Karrierechancen.

Informationsblatt Studiengang – Lebensmitteltechnologie und Verpackungstechnologi
HSH

Was treibt Sie persönlich an, junge Menschen für das Thema Verpackung zu begeistern?

Ich habe Chemie studiert, war viele Jahre in der Forschung und Entwicklung, später als F&E-Direktor tätig. Irgendwann wollte ich meine Erfahrung weitergeben. Ich bin ein Mensch, der aus der praktischen Arbeit kommt und ich weiß, wie viel Gestaltungsspielraum in dieser Branche steckt. Verpackung ist kein notwendiges Übel, sondern eine faszinierende Verbindung aus Technik, Design und Verantwortung.

 

Mich begeistert besonders, wie vielfältig das Feld ist. Ganz gleich, ob Ihr Hintergrund im Ingenieurwesen, im Design, in der Logistik oder in den Naturwissenschaften liegt – es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich einzubringen und einen Platz in der Verpackungsindustrie zu finden. Verpackung ist systemrelevant für Ernährung, Hygiene, Sicherheit und Versorgung – trotz ihres schlechten Images. Wenn man sie richtig denkt, ist sie Teil der Lösung. Genau das möchte ich in meiner Arbeit vermitteln.

 

Verpackungen, insbesondere aus Kunststoff, stehen häufig in der Kritik. Wie gehen Sie in der Lehre mit dieser Spannung um?

Kunststoffe haben ein Imageproblem. Sie werden häufig pauschal als umweltschädlich wahrgenommen, obwohl sie in vielen Fällen die einzige Lösung sind, um Lebensmittel sicher zu schützen. Eine Verpackung muss in erster Linie das Produkt bewahren, vor Feuchtigkeit, Sauerstoff und Mikroorganismen. Kann sie das nicht, entsteht mehr Abfall durch verdorbene Lebensmittel als durch die Verpackung selbst.

 

Eine kompostierbare Verpackung zum Beispiel klingt im ersten Augenblick ökologisch sinnvoll, ist aber technisch kaum in der Lage, dieselben Barriereeigenschaften zu erfüllen wie andere Materialien. Denn Mikroorganismen brauchen Wasser, um das eigene Material abzubauen. Und genau diese Eigenschaft macht eine kompostierbare Folie ungeeignet für den Schutz vieler Lebensmittel. Ich erkläre immer, dass wir Nachhaltigkeit nur erreichen können, wenn wir die technischen Grundlagen verstehen. Das Thema ist nicht schwarz oder weiß. Es geht um Abwägung, Optimierung und Systemverständnis. Verpackung ist kein Feindbild, sie ist ein funktionales, notwendiges Bindeglied zwischen Produkt, Qualität und Umweltverantwortung.

Im Dialog: Prof. Dr. Rainer Brandt „Verpackung ist eine faszinierende Verbindung aus Technik, Design und Verantwortung.“
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Über Prof. Dr. Rainer Brandt

Prof. Dr. Rainer Brandt hat Chemie studiert und in der physikalisch-chemischen Forschung promoviert. Nach rund zwanzig Jahren in der Industrie, unter anderem in leitender Position in Forschung und Entwicklung bei Unternehmen der Folien- und Verpackungsbranche, lehrt er seit 2009 als Professor für Verpackungstechnologie an der Hochschule Hannover. Seine Schwerpunkte liegen in der Folienextrusion, im Innovations- und Qualitätsmanagement sowie im gewerblichen Rechtsschutz.

Welche Wege sehen Sie, um ökologische, funktionale und wirtschaftliche Anforderungen in Einklang zu bringen?

Ein entscheidender Hebel wäre die Standardisierung. Heute gibt es eine unüberschaubare Vielfalt an Materialien, Farbvarianten, Klebern und Bedruckungen. Das erschwert das Recycling enorm. Wenn wir uns auf wenige Kunststofftypen und einheitliche Designrichtlinien einigen könnten, wäre die Wiederverwertung deutlich effizienter.

 

Ich nenne da gern ein Beispiel aus der Praxis: Schwarze Kunststoffverpackungen, wie sie etwa in der Kosmetikbranche verwendet werden, lassen sich im Recyclingprozess nicht richtig detektieren. Das Problem ist also nicht das Material an sich, sondern das Design. Kleine gestalterische Entscheidungen haben große ökologische Wirkung.

 

Zudem ist technisch heute schon mehr möglich, als viele denken. Dünne Barriere-Schichten aus Aluminium oder Siliziumoxid, oft nur wenige Nanometer stark, können die Funktionalität verbessern, ohne die Recyclingfähigkeit wesentlich zu beeinträchtigen. Aber am Ende zählt auch die Wirtschaftlichkeit. Nachhaltigkeit darf nicht nur auf dem Papier bestehen, sie muss sich in den Prozessen und Kosten abbilden.

 

Innovation ist für viele das Zauberwort der Stunde. Wo sehen Sie die spannendsten Entwicklungen in der Verpackungswelt?

Innovation hat für mich immer zwei Seiten: eine gute Idee und wirtschaftlichen Erfolg. Eine Entwicklung ist nur dann eine echte Innovation, wenn sie sich auch in der Praxis durchsetzt. Ein Beispiel aus meiner eigenen Laufbahn ist die wiederverschließbare Käseverpackung. Technisch war das keine Revolution, aber sie hat den Alltag der Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich verbessert. Solche Convenience-Lösungen zeigen, wie stark der Nutzen über den Erfolg eines Produkts entscheidet.

 

Aktuell finde ich das Konzept des „Low-Decoration Packaging“ besonders spannend, also Verpackungen, die bewusst auf übermäßige Bedruckung und Veredelung verzichten. Sie sehen schlicht aus, sind aber deutlich besser recycelbar. Ich wünsche mir mehr Mut in der Industrie, solche Konzepte auch als Marketingchance zu begreifen.

Kernfunktionen und Nutzen von Plastik verpackung - Produktschutz Verbraucherschutz Ressourcen schonen Marketing Verbraucher-information

Welches Potenzial sehen Sie bei biobasierten Kunststoffen wie PLA?

PLA (Polylactid) und ähnliche Biokunststoffe haben Potenzial, sind aber kein Ersatz für klassische Kunststoffe. Sie sind weder wasserabweisend noch ausreichend sauerstoffdicht, beides ist für viele Lebensmittel entscheidend. Für frische, atmungsaktive Produkte wie Obst oder Gemüse kann PLA geeignet sein, doch im großen Stil wird es erdölbasierte Kunststoffe nicht verdrängen.

 

Nach über 20 Jahren Forschung zeigt sich: Biokunststoffe sind eine Ergänzung, keine Revolution. Sie funktionieren in bestimmten Anwendungen, lösen aber weder das Recyclingproblem noch ersetzen sie komplexe Verpackungssysteme. In der Autoindustrie sind die Anforderungen einfacher, bei Verpackungen kommen Schutz, Haltbarkeit, Transport und Marketing zusammen.

Was ist PLA?

PLA (Polylactic Acid, ugs. Polymilchsäure) ist ein biobasierter Kunststoff, der aus nachwachsenden Rohstoffen wie Maisstärke oder Zuckerrohr gewonnen wird. Er ist industriell kompostierbar, aber im Heimkompost oder in der Umwelt kaum abbaubar. PLA hat eine geringe Hitzebeständigkeit und begrenzte Barriereeigenschaften, lässt sich jedoch gut zu Folien oder Bechern verarbeiten. Als Symbolmaterial für biobasierte Verpackungen gilt PLA als wichtiger Schritt zu nachhaltigeren Lösungen.

Die Diskussion um Kreislaufwirtschaft und Recycling bleibt emotional. Warum ist das so schwierig umzusetzen?

Weil Anspruch und Realität weit auseinanderliegen. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher glauben, dass ein Großteil der Verpackungen recycelt wird. Nach derzeitigen Einschätzungen ist der Anteil deutlich niedriger, vor allem im Kunststoffbereich. Das liegt weniger an mangelndem Willen, sondern an der Systematik. Mischmaterialien, Kleber, Beschichtungen, Etiketten, all das erschwert den Kreislauf.

 

Wenn wir eine funktionierende Kreislaufwirtschaft wollen, müssen wir bei der Gestaltung beginnen. Einheitliche Materialien, sortenreine Verarbeitung und klare Erkennungsmerkmale sind die Grundlagen. Der Handel und die Marken müssten sich auf Standards verständigen, statt jede Woche neue Varianten zu entwickeln. Das wäre der echte Innovationsschub.

 

Wie sehen Sie die Rolle der Verbraucherinnen und Verbraucher in diesem Wandel?

Das ist ein klassisches Dilemma. Die Menschen wünschen sich umweltfreundliche Lösungen, greifen im Alltag aber doch zu den praktischen, bequemen Produkten. Die Industrie wiederum beruft sich darauf, dass der Markt genau das verlange. Solange Convenience und Preis stärker zählen als Umweltbewusstsein, bleibt die Umstellung schwierig. Hier sind Information und Aufklärung entscheidend, sowohl in der Ausbildung als auch in der öffentlichen Kommunikation. Verpackung ist kein Feindbild, sondern Teil der Wertschöpfung. Wenn wir sie als Ressource statt als Abfall betrachten, ändert sich auch das Denken.

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Außenansicht Hochschule Hannover, helles Gebäude.
Dennis Siebert

Über die Hochschule Hannover

Die Hochschule Hannover – University of Applied Sciences and Arts (HsH) ist eine praxisorientierte staatliche Fachhochschule mit rund 9.000 Studentinnen und Studenten sowie 1.300 Beschäftigten. Sie steht für angewandte Forschung, enge Kooperationen mit Industrie und Wirtschaft sowie interdisziplinäre Lehre. Prof. Dr. Rainer Brandt lehrt im Fachbereich Maschinenbau und Bioverfahrenstechnik, wo technische Innovation, Nachhaltigkeit und Praxisnähe im Mittelpunkt stehen. Besonders im Studiengang Future Food Systems verbindet die HsH Lebensmittel- und Verpackungstechnologie und fördert so die Ausbildung einer neuen Generation von Ingenieurinnen und Ingenieuren.

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