Kunststoff-Wissen

PPWR tritt in Kraft – Regulierung als Innovationsmotor für die Verpackungsbranche

Seit letzter Woche (12. August 2026) gilt die europäische Verpackungsverordnung (PPWR) unmittelbar in allen 27 EU-Mitgliedstaaten. Für die Kunststoffverpackungsindustrie beginnt damit eine neue Ära. Stimmen aus der Branche machen deutlich, dass verbindliche Vorgaben nicht als Bremse, sondern als Innovationsschub verstanden werden.

 

Die PPWR ersetzt die bisherige Verpackungsrichtlinie 94/62/EG und greift tief in Design, Einsatz und Entsorgung von Verpackungen ein. Gleichzeitig tritt das deutsche Verpackungsrecht-Durchführungsgesetz (VerpackDG) in Kraft. Ab 2030 müssen Verpackungen nachweislich recyclingfähig sein; Mindestrezyklatanteile werden verbindlich, 30 Prozent für Lebensmittelkontaktverpackungen aus PET und 35 Prozent für sonstige Kunststoffverpackungen und 10 Prozent für sonstige kontaktsensitive Kunststoffverpackungen. Hinzu kommen Vorgaben zur Verpackungsminimierung, Getrenntsammlung und Kennzeichnung.

Dr. Isabell Schmidt - Geschäftsführerin Kreislaufwirtschaft - IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e.V.
Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e.V.

Warum Deutschland beim Rezyklateinsatz aufholen muss

Die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) begrüßt diese Zielsetzungen, fordert jedoch auch, dass die Regulierung ökologische Ambitionen mit wirtschaftlicher Machbarkeit verbindet. Dazu gehören wirksame finanzielle Anreize, Technologieoffenheit und Planungssicherheit, statt zusätzlicher Bürokratie.

 

Besonders dringlich ist die Frage der Ökomodulierung: Während andere EU-Staaten längst finanzielle Anreize für recyclinggerechte Verpackungen etabliert haben, hinken deutsche Unternehmen hinterher.

Dr. Isabell Schmidt, Geschäftsführerin Kreislaufwirtschaft der IK, sagt dazu: „Deutsche Unternehmen, die auf ökologische Verpackungen setzen, erleiden dadurch einen Wettbewerbsnachteil. Denn sie können ihre Entwicklungsaufwendungen bisher nicht kompensieren. Deshalb ist es richtig, dass der Bundestag nun Druck macht, damit auch in Deutschland der Hebel für eine Transformation des Verpackungsmarktes in Richtung Kreislaufwirtschaft umgelegt wird.“

 

Entscheidungsdruck als Chance 

Was die Branche seit Jahren diskutiert, bringt die PPWR nun auf den Punkt: Freiwillige Selbstverpflichtungen reichen nicht aus. Laura Gascho, Expertin für flexible Verpackungen bei der Schubert Group, fasst zusammen: „Viele freiwillige Ziele wurden in der Vergangenheit nicht erreicht. Verbindliche Vorgaben helfen, den Markt in eine Richtung zu lenken.“ Dr. Josephine Kreische, Co-CEO von Vytal, ergänzt: „Die PPWR schafft Entscheidungsdruck. Viele große Kunden handeln schon seit anderthalb Jahren in Erwartung der neuen Vorgaben.“ 

 

Dieser Entscheidungsdruck wirkt weit über einzelne Unternehmen hinaus. Gabriele Hässig, Geschäftsführerin Kommunikation und Nachhaltigkeit der Procter & Gamble Gruppe in der DACH-Region, betont den systemischen Effekt: „Ordnungspolitik schafft eine Rechtssicherheit, die die Industrie für Investitionen in allen Bereichen der Wertschöpfungskette benötigt. Das sind nicht nur Investitionen bei uns Herstellern, sondern auch bei den Sortierern, den Recyclern und so weiter.“ 

Key Citation von Laura Gascho - Schubert Group
Laura Gascho
Expertin für flexible Verpackungen - Schubert Group
Gabriele Hässig
Geschäftsführerin Kommunikation und Nachhaltigkeit DACH-Region Procter & Gamble Gruppe

PPWR als Innovationsmotor 

Jenseits der Compliance entfaltet die PPWR eine Wirkung, die in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Sie ist ein massiver Innovationstreiber. Helena Teuber von Staden, Team Lead Coffee Packaging bei Tchibo, sieht es als Paradigmenwechsel: „Der EU Green Deal und die PPWR machen Recycelbarkeit von einem Wettbewerbsvorteil zu einer Obligation. Das definiert Innovationsfelder neu und verändert unser ganzheitliches Verständnis von Verpackung entlang der Lieferkette.“ Daniela Fischer, Senior Packaging Developer bei PARSA Beauty, sieht darin sogar eine Befreiung: „Die Regulatorik gibt einen Rahmen vor, innerhalb dessen sich alle bewegen müssen. Das nimmt den Kunden die Entscheidung ab und zwingt die Industrie zur Kreativität.“ 

 

Uwe Düsterwald, Project Manager Sustainability in Adhesives bei BASF, sieht das auch so: „Insgesamt zeigt sich, dass freiwillige Ansätze allein häufig nicht ausreichen, um neue Lösungen flächendeckend zu etablieren. Regulatorische Anforderungen können hier einen wichtigen Impuls geben, Innovationen voranzutreiben und deren Marktdurchdringung zu beschleunigen.“ Gerade im Klebstoffbereich werde das besonders deutlich: „Regulierungen wie die PPWR sind immer beides, Herausforderung und Chance. Gerade hier begrüßen wir bestimmte Regulierungen ausdrücklich, weil sie in einem technologisch etablierten Markt neue Entwicklungen und Perspektiven schaffen können.“ 

Helena Teuber von Staden
Team Lead Coffee Packaging - Tchibo
Headerbild - Portrait von Daniela Fischer mit sicherverpackt-Grafik im Hintergrund
Daniela Fischer
Senior Packaging Developer - PARSA Beauty

Rezyklatmarkt muss skalieren 

Allerdings ist der Markt für hochwertige Kunststoffrezyklate noch nicht bereit. „Beim Kunststoff gibt es eine echte Lücke zwischen dem, was an Rezyklat gefordert wird, und dem, was tatsächlich in der nötigen Qualität und Menge verfügbar ist. Das müssen wir lösen – durch Reduktion, durch Materialwechsel oder durch andere kreative Ansätze“, fordert Daniela Fischer, Senior Packaging Developer bei PARSA Beauty. Allein für die deutsche Verpackungsproduktion werden ab 2030 jährlich über 860.000 Tonnen zusätzlicher Rezyklate benötigt, insbesondere für Lebensmittelkontaktverpackungen sind verfügbare Rezyklatströme bislang begrenzt.  

 

Politische Ziele und Marktstrukturen müssen enger zusammengedacht werden: Verlässliche Rahmenbedingungen für lebensmittelgeeignete Rezyklate sind Voraussetzung für das Gelingen der Transformation. 

Kreislaufwirtschaft Symbol
© IK aktuell, Ausgabe 2023

Jetzt kommt es auf die Ausgestaltung an 

Die PPWR ist in Kraft, doch eine Verordnung allein schafft noch keine Kreislaufwirtschaft. Damit die Regulierung ihre Wirkung wirklich entfaltet, ist noch einiges zu tun:  

 

  • Erstens müssen die Anreizmechanismen der Ökomodulierung endlich stark genug greifen, um recyclingfreundliches Verpackungsdesign und Rezyklateinsatz flächendeckend wirtschaftlich attraktiv zu machen. Bislang ist das nicht der Fall.  
  • Zweitens brauchen Unternehmen Rechtssicherheit: Solange zentrale Anforderungen erst durch spätere Rechtsakte konkretisiert werden, sind Investitionsentscheidungen kaum planbar. Klare, belastbare Vorgaben sind keine Bürokratie, sie sind Voraussetzung für unternehmerisches Handeln.  
  • Und drittens muss der Rezyklatmarkt gezielt mit Nachfrageimpulsen gestärkt werden, damit die ab 2030 geltenden Rezyklatquoten in der Praxis auch erfüllbar sind. 

Die Kunststoffverpackungsindustrie ist bereit, ihren Teil beizutragen. Sie beweist täglich, dass moderne Kunststoffverpackungen Produktschutz, Klimaschutz und Ressourceneffizienz vereinen können. Wer Kreislaufwirtschaft erfolgreich gestalten will, muss ökologische Wirkung, industrielle Realität und europäische Wettbewerbsfähigkeit zusammen denken. Die IK bringt sich mit klaren Positionen und lösungsorientierten Vorschlägen in diese Debatte ein und bleibt dabei: Mehr Kreislaufwirtschaft ja, aber mit den richtigen Hebeln. 

„Mit dem Start der PPWR hat für viele Unternehmen eine neue Phase der Verpackungs-Compliance begonnen. Entscheidend sind nicht nur regelkonforme Lösungen, sondern auch belastbare Dokumentation, transparente Nachweise und ein Partner, der die Anforderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette versteht. Die deutsche Kunststoffverpackungsindustrie ist bereit die neuen Vorgaben sicher, effizient und zukunftsorientiert umzusetzen."

Simone Mosca

Geschäftsführerin - Mosca GmbH

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