Daniela Fischer ist Senior Packaging Developer bei PARSA Beauty, einem deutschen, inhabergeführten Unternehmen, das marktführend im Bereich Hair & Beauty Accessoires mit über 5.000 Produkten in mehr als 40 Ländern ist. Im Interview spricht sie über Zielkonflikte zwischen Design und Nachhaltigkeit, die Frage, wer wirklich die Verantwortung trägt und warum der Kunde brav den Müll trennt, das Material aber trotzdem nicht recycelt wird.
PARSA hat über 5.000 Produkte in den unterschiedlichsten Kategorien, von der Haarbürsten, über Kosmetik-Tools bis hin zur Nagelschere. Was ist die größte Herausforderung bei der Verpackungsentwicklung?
Genau diese Vielfalt. Ein Waschmittelhersteller hat ein Produkt, und damit eine Anforderung und eine Lösung. Bei uns ist das schlicht nicht möglich. Unser Sortiment reicht von der Pinzette bis zum Gesichtstool, von Kunststoff bis Satin, fast jedes Produkt braucht eine eigene Verpackungslösung.
Verpackung soll heute nachhaltig sein und gleichzeitig das Produkt attraktiv präsentieren. Wie gehen Sie mit diesem Zielkonflikt um?
Das ist mein tägliches Thema. Unsere Produktentwickler:innen wünschen sich maximale Sichtbarkeit, aber Transparenz lässt sich schlecht mit Papier umsetzen. Also hinterfragen wir immer: Was müssen Endverbraucher:innen zwingend sehen, damit das Produkt gekauft wird? Reicht ein Ausschnitt, ein Foto oder eine Anwendungsdarstellung? Interessanterweise findet hier gerade ein Wandel statt: Immer mehr Produkte kommen komplett verpackt ohne Sichtfenster in den Handel und ein gutes Produktfoto zeigt den Artikel oft verständlicher als das Produkt selbst.
Gibt es Produkte, bei denen Kunststoff schlicht nicht ersetzbar ist?
Ja, durchaus. Schwämme mit Zusätzen brauchen eine Barrierefunktion, die Papier nicht leisten kann. Bei Maniküre- oder Pediküre-Artikeln wie Nagelfeilen oder Schutzkappen geht es auch um Hygiene und Schutz vor dem Kauf. Niemand möchte, dass eine Nagelfeile im Laden ausprobiert wird. Für diese Anwendungsfälle gibt es bisher keine gleichwertige Papierlösung. Für den Großteil unseres Sortiments lässt sich aber tatsächlich schon heute eine papierbasierte Lösung umsetzen.
Wer trägt die Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit: Handel, Hersteller oder Kundschaft?
Am einfachsten wäre es natürlich, wenn alle zur selben Zeit die gleichen Schritte machen würden, dann hätte der Konsument gar keine andere Wahl mehr. Aber so funktioniert es nicht. Sie müssen an die Hand genommen und kommunikativ zu einem Wandel bzw. Fortschritt begleitet werden. Aktuell wird Endverbraucher:innen aus meiner Sicht sehr viel Verantwortung übertragen, beispielsweise bei der Mülltrennung oder bei der Materialwahl, und es wird erwartet, dass sie Dinge wissen, die sie gar nicht wissen können.
Ich glaube, die aktuelle Regulatorik geht genau in die richtige Richtung. Sie gibt einen Rahmen vor, innerhalb dessen sich alle bewegen müssen. Das nimmt dem Kunden die Entscheidung ab und zwingt die Industrie zur Kreativität. Denn wenn alles gleich aussieht, muss man sich auf andere Weise abheben. Zum Beispiel durch Farben oder eine besondere Haptik.
Die EU-Verpackungsverordnung PPWR
Die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) ist seit 2025 in Kraft und gilt ab August 2026 unmittelbar in allen EU-Mitgliedstaaten. Sie stellt umfassende Anforderungen an Verpackungen: Recyclingfähigkeit, Mindestrezyklatanteile und nachhaltiges Verpackungsdesign werden verbindlich geregelt.
Regulatorik ist ein gutes Stichwort. Wie blicken Sie auf die PPWR?
Wir sind aktuell dabei, die Anforderungen zu klären und die Umsetzung zu planen. Bei Papier sehe ich aktuell keine großen Probleme, Altpapier ist gut verfügbar, auch wenn wir Verpackungen aus Drittländern beziehen. Beim Kunststoff gibt es eine echte Lücke zwischen dem, was an Rezyklat gefordert wird, und dem, was tatsächlich in der nötigen Qualität und Menge verfügbar ist. Das müssen wir lösen durch Reduktion, durch Materialwechsel oder durch andere kreative Ansätze. Aber dass die regulatorischen Anforderungen erfüllt werden müssen, da gibt es keinen Spielraum.
Wo sehen Sie die größten Sollbruchstellen in der Kreislaufwirtschaft?
Die Diskrepanz zwischen theoretischer und praktischer Recyclingfähigkeit. Das erleben wir konkret bei PET: Laut Mindeststandard des Verpackungsregisters gilt PET nur für Flaschen als recyclingfähig. Für andere PET-Anwendungen wie Tiefziehteile muss, ohne Einzelnachweis, eine Recyclingfähigkeit von 0% angesetzt werden obwohl technisch eine Verwertung möglich wäre. Die flächendeckende Infrastruktur dafür fehlt jedoch. Einen Einzelnachweis für jede Verpackung zu erbringen ist bei einem so breiten Sortiment wie unserem in der Praxis aber nicht realistisch. Gleichzeitig sind wir verpflichtet, dem Kunden auf der Verpackung zu sagen, pack das in die „Gelbe Tonne“. Der Kunde trennt brav seinen Müll und das Material wird oft trotzdem nicht recycelt. Das ist frustrierend für alle Beteiligten.
Für bestimmte Anwendungen stehen gleichwertige, wirtschaftlich tragfähige Alternativen zu PET derzeit noch nicht flächendeckend zur Verfügung. Hier gibt es noch Entwicklungsspielraum, sowohl materialtechnisch als auch regulatorisch.
Was sind Tiefziehteile?
Tiefziehteile sind Kunststoffformteile, die durch Erhitzen und Formen einer Kunststofffolie über eine Matrize hergestellt werden. Im Verpackungsbereich begegnen sie uns täglich als transparente Blisterverpackungen, Einlegeschalen oder Sichtschalen, die ein Produkt fixieren und gleichzeitig sichtbar machen. Bei PARSA Beauty kommen sie zum Beispiel bei Nagelscheren, Pinzetten oder Nagelfeilen zum Einsatz. Die transparente PET-Schale hält das Produkt sicher in Position und macht es für den Kunden sichtbar.
Wie realistisch sind Ihre Nachhaltigkeitsziele angesichts dieser Hürden?
Wir haben mit unserer Produktpalette tatsächlich Glück: Bei vielen unserer Produkte geraten wir bei der Recyclingfähigkeit oder dem Materialeinsatz nicht in große Konflikte. Was die Recyclingfähigkeit und den Einsatz recycelter Materialien angeht, sind wir schon heute sehr gut aufgestellt. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Bürokratie, in der Dokumentation und in den regulatorischen Anforderungen, denen wir gegenüberstehen. Mit der eigentlichen Verpackungsgestaltung hat das noch gar nichts zu tun.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Verpackungsentwicklung?
Mehr Klarheit und mehr Realismus. Theoretische und praktische Recyclingfähigkeit müssen näher zusammenrücken. Die Kommunikation mit den Endkonsumenten muss verbessert werden. Es reicht nicht, die Verantwortung auf sie zu übertragen, ohne die nötigen Hintergrundinformationen bereitzustellen. Da ist noch viel Luft nach oben, für die Industrie, den Handel und die Politik gemeinsam.
Vielen Dank für das Gespräch!
Über Daniela Fischer
Daniela Fischer hat nach dem Abitur eine Ausbildung zur Mediengestalterin bei einem Faltschachtelhersteller absolviert und anschließend Druck- und Medientechnologie an der Hochschule der Medien in Stuttgart studiert. Über eine Kombi-Stelle aus Artwork-Koordination und Verpackungsentwicklung bei PARSA Beauty hat sie sich zum Senior Packaging Developer entwickelt und verantwortet die Verpackungsentwicklung der Bereiche Maniküre, Pediküre, Body & Trend.
Über PARSA Beauty
PARSA Beauty ist ein deutsches, inhabergeführtes Unternehmen mit Sitz in Sinsheim, Baden-Württemberg. Seit über 40 Jahren folgt PARSA Beauty einer klaren Mission: Menschen dabei zu unterstützen, ihre individuelle Schönheit zu entdecken und zu unterstreichen. Mit innovativen Hair- und Beautytools sowie Accessoires verbindet das Unternehmen Qualität, Design und Alltagstauglichkeit, um Beauty zu einem selbstbewussten und persönlichen Erlebnis zu machen. Mit über 5.000 Produkten und einer Präsenz in mehr als 40 Ländern zählt PARSA Beauty zu den führenden Beauty-Tool-Marken Europas.