Im Dialog

„Damit geschlossene Kreisläufe funktionieren, müssen Politik, Wirtschaft sowie Verbraucher und Verbraucherinnen gemeinsam handeln.“

Im Dialog, Lilith Lauk: „Damit geschlossene Kreisläufe funktionieren, müssen Politik, Wirtschaft sowie Verbraucher und Verbraucherinnen gemeinsam handeln.“

Wie können Verpackungen nachhaltiger werden und welche Rolle spielen Kooperationen, klare Standards und gesetzliche Rahmenbedingungen dabei? Lilith Lauk, Senior Engineer R&D Packaging Sustainability bei Henkel Consumer Brands, spricht im Interview über die Bedeutung gemeinsamer Ansätze in der Kreislaufwirtschaft, die Arbeit des Forum Rezyklat und die Herausforderungen rund um die Umsetzung der neuen EU-Verpackungsverordnung (PPWR). 

Frau Lauk, welcher Impuls hat dazu geführt, dass Sie sich so intensiv mit Kreislaufwirtschaft, Rezyklateinsatz und den strukturellen Herausforderungen der Branche beschäftigen? 

2019 habe ich bei Henkel die Position des Sustainable Packaging Manager übernommen, mit dem Ziel, unsere Körper- und Haarpflegeprodukte gezielt unter den Aspekten Kreislaufwirtschaft und Rezyklateinsatz zu überprüfen. Damals standen zunächst einzelne Marken im Fokus, heute betrachten wir das gesamte Portfolio. 

 

Jedes FMCG-Unternehmen hat mittlerweile den Anspruch, diese Herausforderungen anzunehmen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Gerade dieses „gemeinsam“ macht die Arbeit für mich so spannend. Der Austausch über kritische Themen, das Diskutieren praktikabler Lösungen und die Vielfalt an Perspektiven motivieren mich immer wieder aufs Neue. 

Was sind FMCG-Unternehmen 

FMCG steht für Fast Moving Consumer Goods. FMCG-Unternehmen produzieren schnelllebige Konsumgüter des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel, Getränke, Hygieneartikel und Kosmetika, die sich schnell und in großen Mengen verkaufen. Die Produkte sind typischerweise preisgünstig, haben eine hohe Nachfrage und müssen häufig nachgekauft werden, oft weil sie verderblich sind. 

Lilith Lauk, Senior Engineer bei Henkel AG lächelt vor einem Fenster, draußen sind Bäume und ein Bürogebäude zu sehen. Lilith Lauk ist seit 2004 in verschiedenen Funktionen bei Henkel tätig und verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich Verpackungsentwicklung
Henkel

Über Lilith Lauk 

Lilith Lauk ist seit 2004 in verschiedenen Funktionen bei Henkel tätig und verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich Verpackungsentwicklung. Nach ihrem Bachelor of Science in Packaging and Printing an der University of Hertfordshire übernahm sie bei Henkel zunächst Aufgaben als Packaging Manager für Kosmetikverpackungen, später auch in den Bereichen industrielle Klebstoffe und Einkauf. Seit 2019 liegt ihr Fokus auf Projekten zur nachhaltigen Verpackungsentwicklung, insbesondere in den Themenfeldern Design for Recycling (D4R), Post-Consumer-Rezyklate (PCR) und EU-Verpackungsverordnung (PPWR). In ihrer aktuellen Rolle als Senior Engineer R&D Packaging Sustainability bei Henkel Consumer Brands arbeitet sie an der Umsetzung innovativer und umweltfreundlicher Verpackungslösungen. 

 

Rezyklate gelten als Hebel der Kreislaufwirtschaft und sind dennoch oft ein Stolperstein für die Verpackungsindustrie. Woran liegt das, und wo sehen Sie aktuell die größten Hürden: im Markt, in der Gesetzgebung oder im Kopf?  

Flasche Persil Pure Moments Waschmittel „Clean & Fresh“ mit Blue-Sky-Duft, frontal abgebildet.
Jahr Henkel AG & Co. KGaA. Alle Rechte vorbehalten

Herausforderungen gibt es in allen drei Bereichen, aber mit klarer Kommunikation, gemeinsamen Zielen und konkreten Projekten lässt sich vieles bewegen. Die Gesetzgebung spielt dabei eine zentrale Rolle, ist aber auf den Input der Wirtschaft angewiesen. Nur im Dialog können realistische Rahmenbedingungen entstehen, die die Kreislaufwirtschaft wirklich stärken. Am Ende müssen Markt, Politik und Industrie Hand in Hand arbeitensonst können sich gute Ansätze oft nicht weiterentwickeln. 

Sie haben im Rahmen des Forums Rezyklat am Template zur PPWR-Konformitätserklärung federführend mitgearbeitet. Was macht dieses Template aus und welchen Beitrag leistet es? 

Das Template dient als praktische Hilfe, um die Anforderungen der neuen Packaging and Packaging Waste Regulation (kurz: PPWR) in der Praxis umzusetzen. Es fungiert als Leitfaden für die Konformitätserklärung, die in Teilen ab August 2026 verpflichtend wird, und deckt alle relevanten Vorgaben der PPWR ab. Das Besondere ist, dass es ein gemeinsames Verständnis entlang der gesamten Wertschöpfungskette schafft: Welche Informationen werden benötigt? Wer liefert welche Daten? Und wie können sie sinnvoll dokumentiert werden? Dadurch erhöht das Template die Umsetzungssicherheit, fördert Transparenz und reduziert den Aufwand auf allen Stufen der Wertschöpfungskette. Das Template wird derzeit weiterhin im Forum Rezyklat diskutiert und eine überarbeitete Version wird voraussichtlich bald verfügbar sein. Hintergrund ist, dass es seitens der Gesetzgebung noch einige Unklarheiten gibt, die wir besprechen und für die wir gemeinsam Lösungsansätze erarbeiten. 

 

Was ist das Forum Rezyklat? 

Das Forum Rezyklat ist ein 2018 gegründetes Bündnis, das über 70 Mitgliedsunternehmen aus Handel, Industrie, Verpackung, Recycling, Wissenschaft und Politik vereint, um gemeinsam Lösungen für recyclingfähige Kunststoffverpackungen und einen funktionierenden Kreislauf von Alt- hin zu Neumaterialien zu entwickeln. 

Wie funktioniert das Template konkret und wem hilft es am meisten? 

Das Template führt Schritt für Schritt durch alle Angaben, die für die PPWR-Konformitätserklärung notwendig sind – von allgemeinen Produktinformationen über Material- und Recyclingdaten bis hin zu regulatorischen Nachweisen. Es zeigt auf einen Blick, welche Informationen bereits vorliegen, welche noch fehlen und in welchen Unternehmensbereichen sie typischerweise zu finden sind, etwa in Regulatory Affairs, dem Qualitätsmanagement oder dem Einkauf. 

Persil Pure Moments Clean & Fresh Waschmittel-Flasche mit Blumenmotiv, Produktaufnahme im Regal.
Jahr Henkel AG & Co. KGaA. Alle Rechte vorbehalten

Damit schafft es eine klare Struktur, spart Zeit und verhindert Missverständnisse. Auch wenn eine interne Datenverknüpfung weiterhin nötig ist, sorgt das Template für mehr Übersicht und Konsistenz. Alle Beteiligten profitieren davon: Hersteller können schneller und sicherer dokumentieren, Verarbeiter erhalten klarere Anforderungen, und der Handel profitiert von einheitlichen und belastbaren Nachweisen gegenüber Behörden und Auditoren. 

 

Welche Resonanz erhalten Sie aus der Branche? Wird das Template angenommen oder gibt es noch Zurückhaltung? 

Die Resonanz ist sehr positiv. Das Interesse war von Beginn an groß, und bereits kurz nach Veröffentlichung wurde das Template über 300-mal von der Website des Forums Rezyklat heruntergeladen. Das zeigt, wie hoch der Bedarf an klaren, praxisnahen Lösungen ist. Viele Unternehmen schätzen vor allem den strukturierten Ansatz und die Möglichkeit, das Dokument direkt in ihre internen Prozesse zu integrieren. 

 

Wo hakt es aktuell in der Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette und wie hilft das Template, Missverständnisse zu vermeiden und Anforderungen zu harmonisieren? 

Oft scheitert es nicht am Willen, sondern an der Einheitlichkeit: Unterschiedliche Systeme, Datenstrukturen und Begrifflichkeiten erschweren den Austausch. Die PPWR verlangt jedoch, dass Informationen entlang der gesamten Lieferkette verlässlich weitergegeben werden, jeder Akteur wird also zum Datenlieferanten. 

 

Das Template schafft hier eine gemeinsame Basis und definiert einheitlich, welche Informationen notwendig sind und in welcher Form sie bereitgestellt werden. Damit fördert es ein gemeinsames Verständnis und reduziert Interpretationsspielräume. So wird aus einer komplexen Einzelfallabstimmung ein standardisierter, effizienter Prozess – und das ist ein echter Fortschritt. 

 

Was können Brancheninitiativen wie das Forum Rezyklat leisten und warum scheitern viele gute Ansätze auf dem Weg zum Standard? 

Das Forum Rezyklat bringt alle relevanten Akteure der Kreislaufwirtschaft zusammen: Hersteller, Handel, Entsorger, Recycler und Verbände. Dieser Austausch ist unglaublich wertvoll, weil er unterschiedliche Perspektiven zusammenführt und praxisnahe Lösungen ermöglicht. 

 

Standards zu etablieren ist dagegen oft schwierig, weil sie Kompromisse erfordern. Manche müssen mehr Daten liefern, andere müssen Prozesse umstellen, und das wird schnell als Einschränkung empfunden. Aber am Ende geht es um das große Ganze: Wenn alle an einem Strang ziehen, profitieren wir langfristig alle – ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. 

 

Wie sieht eine Verpackungswirtschaft im Jahr 2030 aus, in der Rezyklate die Regel sind? Was muss dafür jetzt von Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit getan werden? 

Damit Rezyklate und geschlossene Kreisläufe selbstverständlich werden, müssen Politik, Wirtschaft und Verbraucherinnen sowie Verbraucher gemeinsam handeln. Die Öffentlichkeit sollte besser informiert werden, sowohl über Chancen als auch über Herausforderungen und Kosten. Nur wenn Konsumentinnen und Konsumenten verstehen, warum Kreislaufwirtschaft wichtig ist, entsteht Nachfrage nach nachhaltigen Verpackungen. 

 

Zudem braucht es eine sachliche Kommunikation über Kunststoffe: Sie sind nicht per se das Problem. Entscheidend ist, wie wir mit Ressourcen umgehen. Weniger Rohstoffverbrauch, besseres Design und klare Recyclingwege sind der Schlüssel. Langfristig wünsche ich mir, dass Nachhaltigkeit auch in der Bildung verankert wird, nicht als Trendthema, sondern als Grundverständnis. Wenn das gelingt, sind wir 2030 auf einem sehr guten Weg. 

Über Henkel

Mit seinen Marken, Innovationen und Technologien hält Henkel weltweit führende Marktpositionen im Industrie- und Konsumentengeschäft. Mit dem Unternehmensbereich Adhesive Technologies ist Henkel globaler Marktführer bei Klebstoffen, Dichtstoffen und Beschichtungen. Mit Consumer Brands ist das Unternehmen insbesondere mit Wasch- und Reinigungsmitteln sowie im Bereich Haare weltweit in vielen Märkten und Kategorien führend. Die drei größten Marken des Unternehmens sind Loctite, Persil und Schwarzkopf. Nachhaltiges handeln hat bei Henkel lange Tradition und das Unternehmen verfolgt eine klare Nachhaltigkeitsstrategie mit konkreten Zielen.  

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Die Interviewreihe rund um Kunststoff, Recycling, Klima- und Umweltschutz

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