Dr. Josephine Kreische ist Co-CEO von Vytal, einem Kölner Unternehmen, das Mehrwegverpackungen im Food- und Beverage-Bereich als digitales Plattformsystem anbietet. Im Gespräch erläutert sie, warum Kreislaufwirtschaft vor allem dann funktioniert, wenn sie ökonomisch überzeugt, welche Rolle Regulierung und Qualitätsstandards dabei spielen und warum die entscheidenden Stellschrauben für einen wirksamen Wandel selten bei einzelnen Verbraucherinnen und Verbrauchern liegen.
Frau Dr. Kreische, wofür steht Vytal?
Vytal steht für einen anderen Umgang mit Ressourcen. Kreislaufwirtschaft ist nichts Neues, wir haben sie uns als Gesellschaft nur ein bisschen abtrainiert. Ich kenne es noch, dass man Milchflaschen vor die Tür stellt und diese abgeholt werden. Doch es wurden Regeln geschaffen, die kreislauffeindlich sind und uns dieses Verhalten abgewöhnt haben.
Wir stehen dafür, dieses Modell in der heutigen Zeit wieder funktional zu machen. Vytal’s Technologie- und Daten-Plattform ermöglicht, dass Güter übergeben werden, ohne dass sich das Eigentum ändert, sicher und transparent. Es war für uns immer der Schlüssel, dass Mehrweg nicht nur in Pilotprojekten funktioniert, sondern dass alle sagen „Wenn es so einfach ist, machen wir es auch“.
So funktioniert Vytal in der Gastronomie
Vytal ist eine digitale, pfandfreie Mehrwegplattform für To-go- und Lieferessen. Nutzerinnen und Nutzer leihen Mehrwegbehälter – von Kaffeebechern über Menüschalen bis zur Sushi- und Pizzaverpackung – per App aus, indem sie den QR-Code auf dem Behälter scannen. Die Rückgabe erfolgt bei teilnehmenden Restaurants, in Rückgabeboxen der Kantine oder per Abholung beim Lieferdienst. Gezahlt wird nur bei nicht rechtzeitiger Rückgabe, ähnlich wie bei Büchern in der Bibliothek.
Die Behälter halten 500 bis 1.000 Waschungen stand und bestehen aus recycelbarem Polypropylen. Mit einer Rückgabequote von >99 Prozent und einer durchschnittlichen Rückgabezeit von weniger als fünf Tagen ist Vytal effizienter als das deutsche Flaschenpfandsystem. Heute zählt Vytal über 560.000 Nutzerinnen und Nutzer sowie mehr als 7.100 Partner, darunter Handelsketten wie Edeka, DAX-Konzerne wie Allianz, BASF und SAP sowie zahlreiche Universitäten, Kantinen und Krankenhäuser. Seit Gründung hat Vytal bereits mehr als 22 Millionen Einwegverpackungen ersetzt.
Warum setzt Vytal auf solch hochwertige Materialien?
Wir sind kein Hersteller, sondern wir nehmen Produkte in unser System auf und stellen sicher, dass sie genutzt werden. Die Mehrwegbehältnisse müssen 200 bis 1.000 Reinigungen aushalten — sonst rechnet es sich im skalierten Einsatz nicht, ist ökologisch nicht sinnvoll und entspricht nicht unserem Markenversprechen.
Leider kann man als Gastronom auch mit stabilem Einweg und einem Pfandbetrag gesetzeskonform Mehrweg anbieten. Das hinterlässt bei Verbraucherinnen und Verbrauchern einen schlechten Eindruck: Sie erleben Mehrweg nicht als echte Lösung, sondern als versteckte Preiserhöhung. Das schadet dem gesamten Thema und den Unternehmen, die es wirklich ernst nehmen.
Die Mehrwegpflicht und die Corona-Pandemie sind zeitlich zusammengefallen. Welche Auswirkungen hatte das für Vytal?
Beides zusammen hat der Mehrweg-Branche zunächst einen deutlichen Wachstumsschub und sehr viel Sichtbarkeit gebracht. Das war wichtig. Mit dem Ende der Pandemie änderte sich das Verhalten wieder, die Menschen aßen wieder in Restaurants und Bars. Rückblickend betrachtet hat die Pandemie dazu geführt, dass wir uns wie viele andere sehr stark auf Take-away fokussiert haben. Das erfordert aber die prozessual komplexeste Mehrweglösung.
Nach der Pandemie haben wir uns daher auf Settings zu konzentriert, wo sehr viel Einweg im Einsatz ist — also auf volumenstarke Umgebungen, die zudem weniger komplex sind als die Stakeholderketten einer Lieferplattform. Das war eine gute Entscheidung, ökologisch und ökonomisch. Gleichzeitig sind wir Plattform geblieben — und als Plattform haben wir weiterhin ein Angebot für alle Settings.
Wo liegt die entscheidende Stellschraube für funktionierende Kreisläufe, bei Verbraucherinnen und Verbrauchern oder im organisierten Bereich?
Wer sagt, der Wandel scheitere am Verbraucher, der drückt sich davor, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Diejenigen, die rein aufgrund von Nachhaltigkeit einen komplexeren Prozess in Kauf nehmen oder mehr Geld ausgeben, sind wahrscheinlich weniger als fünfzehn Prozent und das wird sich auch nicht ändern. Das ist keine Schwäche der Verbraucherinnen und Verbraucher, das ist eine Schwäche des Systems. Die eigentliche Aufgabe von Politik und Unternehmen ist es, die nachhaltige Option so einfach und wirtschaftlich attraktiv zu machen, dass keine bewusste Entscheidung dafür nötig ist.
Bestes Beispiel ist das Uniklinikum Köln: Man hat sich konsequent gegen Einweg entschieden. Zwei Wochen lang hat sich jeder beschwert, dann fragte keiner mehr. Wenn Mehrweg früh im Prozess eingebettet wird und für Verbraucherinnen und Verbraucher einfach als Neuerung hingenommen wird, erreicht man ganz andere Ersetzungsquoten.
Kreislaufwirtschaft funktional zu machen ist das eine, sie auch wirklich umzusetzen das andere. Wie gelingt das in der Praxis?
Viele Initiativen im Mehrwegbereich meinen es gut, aber arbeiten sich immer wieder an der gleichen Fragestellung ab: Wie überzeuge ich den Verbraucher? Das skaliert nicht. Die Welt ist komplex, das muss man anerkennen. Ein Konzern muss verschiedene Auflagen erfüllen, die ihm einen Rahmen vorgeben, innerhalb dessen er sich bewegen kann. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir fragen, wie es für einen Konzern mit bestimmten Berichtspflichten konkret funktionieren kann und setzen genau diese individuelle Lösung um.
Die PPWR tritt im August 2026 in Kraft. Hilft Regulierung dem Thema Mehrweg oder hat sie auch ihre Grenzen?
Ich bin als Europäerin eher pro Regulierung und finde es gut, dass die PPWR europaweit gilt. Sie schafft Entscheidungsdruck. Viele große Kunden handeln schon seit anderthalb Jahren in Erwartung der neuen Vorgaben. Was Regulierung aber noch nicht ausreichend adressiert, ist ein fundamentales Marktversagen: Einweg erscheint günstiger, weil die wahren Kosten, Entsorgung, Umweltbelastung, Infrastruktur, auf die Gesellschaft abgewälzt werden. Mehrweg hingegen muss seine Kosten selbst tragen: Rücknahme, Logistik, Spülen. Das fällt dann oft auf kleine Unternehmen zurück, die gleichzeitig wettbewerbsfähig sein müssen. Das ist keine faire Ausgangslage. Hier hätte ich mehr von Regulierung erwartet, denn genau solche Wettbewerbsverzerrungen zu korrigieren, ist eigentlich ihre Aufgabe.
Gibt es Interessenverbände, die für einheitliche Standards sorgen?
Ja, es gibt den Mehrwegverband in Deutschland sowie New ERA auf europäischer Ebene. Und es tut sich etwas: Große Konzerne unterliegen zunehmend Berichtspflichten und Nachhaltigkeitsanforderungen. Für diese Akteure ist unser Modell nicht nur kompatibel, es ist die logische Wahl, denn unsere Plattform bietet Daten, Transparenz und eine skalierbare Infrastruktur für Mehrweg. Bei kleinen Gastronominnen und Gastronomen ist das eine andere Geschichte. Selbstständige im Take-away-Bereich sind wirtschaftlich ohnehin unter Druck, sie sind wichtig für das Leben in unseren Städten, und in der aktuellen wirtschaftlichen Lage wäre es politisch wie gesellschaftlich schwer vermittelbar, sie mit zusätzlicher Regulierung zu belasten. Sie genießen einen gewissen politischen Schutz und das ist nachvollziehbar.
Kommunale Plastiksteuern werden in immer mehr Städten diskutiert. Was halten Sie davon?
Ich begrüße diesen Trend grundsätzlich. Kommunen handeln hier aus einem echten Schmerz heraus: Müll. Müll verursacht Kosten und die Kommen suchen nach Wegen, diese durch neue Einnahmen zu kompensieren. Das gelingt durch die Steuer, nach bisherigen Studien übersteigen die Einnahmen die städtischen Aufwendungen sogar um das Zehnfache Die Steuer führt durch ökonomische Anreize für die Konsumierenden zu einer hohen Mehrwegadoption. Zudem verfügen Städte über einen weiteren, großen Hebels: bei Großveranstaltungen, Konzerten, Festivals, Fußballstadien auf städtischem Grund. Diese Veranstaltungenmachen oft erhebliche Umsätze auf öffentlicher Infrastruktur, ohne dass die Stadt wirklich davon profitiert und ohne verbindliche Mehrwegpflicht. Hier wirkt Regulierung sinnvoll und auch politisch klug.
Klimaziele geraten politisch unter Druck. Welchen Stellenwert hat Kreislaufwirtschaft in diesem Umfeld noch?
Wir merken eine gewisse Verunsicherung, die sich im Wunsch nach Messbarkeit und einer klaren Erwartung zeigt: Was auch immer man tut, es muss dem Geschäft des Kunden auch kommerziell zuträglich sein. Wir gewinnen Kunden, weil wir Effizienz ermöglichen und Verkaufsprozesse beschleunigen. Dass Klimaziele gerade politisch unter Druck geraten, ist traurig und falsch, kaschiert aber nur, was schon immer galt: Es muss ein echtes Kaufargument geben. Das hat nichts mit dem Aufgeben von Idealen oder mit Zynismus zu tun, sondern ist ein gesunder Reifeprozess der gesamten Branche.
Genau darin sehe ich eine kommunikative Chance. Statt zu warnen, zu mahnen, auf Regulierung zu hoffen und sich moralisch zu erheben — „Wir sind hier die Guten“ ist die eigentlich richtige Erzählung: Kreislaufwirtschaft sichert Unabhängigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Ressourcenversorgung. Mehrweg gestaltet Zukunft. Wer Nachhaltigkeit von Anfang an ins Geschäftsmodell einbettet, ist nicht der naive Idealist, sondern baut die Infrastruktur für eine resiliente Wirtschaft. Kreislaufwirtschaft zu fördern ist Wirtschafts-, Wohlstands- und Innovationsförderung.
Vielen Dank für das interessante Gespräch!
Über Dr. Kreische
Dr. Josephine Kreische studierte International Business Administration an der Universität Tübingen, mit einem Auslandsjahr an der Universidad de Deusto in Spanien. Sie schloss ihren Master of Science in Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln ab und promovierte danach am Lehrstuhl für Digitales Marketing an der WHU in Vallendar. Über Stationen an der Schnittstelle von Produkt und Vertrieb, bei der Beratung bei Simon-Kucher & Partners und EINHUNDERT Energie fand sie ihre berufliche Passion. In Vytal sieht sie ein Unternehmen, das ökonomisch überzeugt und gleichzeitig an ein anderes System glaubt. Sie ist Mutter von drei Kindern und lebt mit Ihrer Familie vor den Toren Kölns. Auf Vytal stieß sie eher zufällig über einen Flyer in einer Kölner Kletterhalle. 2022 stieg sie als Head of Product ein, 2023 wurde sie in die Geschäftsführung berufen. Heute führt sie das Unternehmen gemeinsam mit Gründer Dr. Tim Breker als Co-CEO.
Über Vytal Global
Gegründet, um zu verändern: Vytal hat sich zum Ziel gesetzt, die weltweit führende Technologieplattform für Kreislaufwirtschaft und Mehrweg zu werden. Vytals ersetzen Einwegverpackungen und machen einen nachhaltigen, zukunftsorientierten Lebensstil für alle möglich. Mit der pfandfreien und digitalen Mehrweglösung bringt Vytal Gastronom:innen, Eventbetreiber:innen, Stadien und Venuebereiber, Lieferdienste und andere Kooperationspartner:innen mit Menschen zusammen, die Speisen und Getränke ohne unnötige Einwegverpackungen genießen möchten. Dafür kam das Unternehmen in der von Jung von Matt geführten Liste unter die Top 50 Startups 2022 und 2023. Heute arbeiten europaweit rund 50 Mitarbeiter:innen für Vytal.
„Der Kunststoff muss vollständig zirkulär werden – und zwar schnell“ – Im Dialog mit Michael Wiener
„BPA wurde durch NGOs gezielt als unerwünschte und gefährliche Chemikalie positioniert.“