Es ist ein erster wichtiger Schritt: Die EU-Kommission hat Palettenumhüllungen und Umreifungsbänder von der 100 Prozent-Mehrwegpflicht für innerstaatliche und innerbetriebliche Transporte ausgenommen. Damit korrigiert sie erstmals Vorgaben der geplanten Verpackungsverordnung (PPWR), die in der Praxis technisch kaum umsetzbar und ökologisch fragwürdig gewesen wären.
Diese Entscheidung ist mehr als eine Detailanpassung. Sie markiert einen Perspektivwechsel in der europäischen Regulierung: Weg von pauschalen Quoten, hin zu einer realistischeren Bewertung der Funktion von Verpackung in der Logistik. Auslöser ist eine delegierte Entscheidung zur PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation). Die EU-Kommission erkennt damit an, dass Transportverpackungen wie Stretchfolien oder Umreifungsbänder keine beliebig austauschbaren Materialien sind, sondern eine zentrale Rolle in stabilen und effizienten Lieferketten spielen, insbesondere im innerbetrieblichen und innerstaatlichen Warenverkehr.
Schutzfunktion reduziert Emissionen
Transportverpackungen wie Stretchfolien oder Umreifungsbänder erfüllen eine zentrale Aufgabe: Sie stabilisieren Ladeeinheiten, schützen vor Beschädigungen und verhindern Produktverluste entlang der Lieferkette. Diese Schutzfunktion hat direkte Auswirkungen auf die Umweltbilanz.
Denn beschädigte Ware bedeutet nicht nur wirtschaftlichen Schaden, sondern auch zusätzliche Transporte, erneute Produktion und steigende CO₂-Emissionen. Nachhaltige Verpackungen sind damit integraler Bestandteil von Ressourceneffizienz. Laut dem IK-Nachhaltigkeitsbericht 24/25 werden mit durchschnittlich rund 24 Gramm Kunststoff etwa ein Kilogramm Ware verpackt. Die Angabe belegt die hohe Materialeffizienz von Kunststoffverpackungen. Je besser Produkte also geschützt sind, desto geringer sind Verluste und desto effizienter wird die gesamte Lieferkette.
Systemeffizienz statt Einzelfokus
Die aktuelle Debatte um Kunststoffverpackungen greift jedoch häufig zu kurz. Sie konzentriert sich stark auf Materialreduktion und Wiederverwendung, ohne die systemische Funktion von Verpackung ausreichend zu berücksichtigen.
Dabei ist Verpackung kein isolierter Kosten- oder Umweltfaktor, sondern Teil eines komplexen Logistiksystems. Schon geringe Schäden an palettierten Waren können erhebliche Folgen nach sich ziehen, wie zusätzlicher Transportaufwand, steigende Prozesskosten und ein erhöhter Ressourcenverbrauch. Eine erzwungene Umstellung auf Mehrwegsysteme kann in bestimmten Anwendungsfällen sogar kontraproduktiv sein, beispielsweise durch Rückführungslogistik oder einen erhöhten Handling-Aufwand.
Die Entscheidung der EU-Kommission belegt, dass diese Zusammenhänge zunehmend anerkannt werden. Sie bestätigt zugleich, dass regulatorische Maßnahmen differenziert ausgestaltet werden müssen, um unbeabsichtigte ökologische Nachteile zu vermeiden.
Kreislaufwirtschaft als Schlüssel
Entscheidend für die Nachhaltigkeit von Transportverpackungen ist nicht primär das Material, sondern die Frage, ob funktionierende Kreislaufsysteme etabliert sind. Aktuelle Daten zeigen eine klare Entwicklung: Nach Angaben von ZSVR und Umweltbundesamt werden rund 71 Prozent der Kunststoffverpackungen aus der haushaltsnahen Sammlung werkstofflich recycelt – bezogen auf die Mengen im System der dualen Sammlung und nicht auf die nach EU-Methodik ausgewiesenen Recyclingquoten. Gleichzeitig sind etwa 82 Prozent der haushaltsnah anfallenden Kunststoffverpackungen bereits recycling- oder mehrwegfähig, einschließlich der bepfandeten Getränkeflaschen, so der IK-Jahresbericht 24/25.
Auch in spezialisierten Bereichen entstehen erfolgreiche Rücknahmesysteme. So wurden beispielsweise im Rahmen der Initiative ERDE im Jahr 2025 mehr als 37.000 Tonnen Agrarkunststoffe gesammelt und recycelt. Diese Beispiele belegen, dass Kreislaufwirtschaft auch in dezentralen und industriellen Anwendungen funktionieren kann. Für Transportverpackungen bedeutet das: Der Fokus sollte auf Design-for-Recycling, effizienter Sammlung und hochwertiger Verwertung liegen, nicht auf pauschaler Materialsubstitution.
Nachhaltigkeit durch Funktionalität
Die zentrale Erkenntnis lautet daher: Transportverpackungen sind kein Abfallproblem, sondern ein Effizienzfaktor. Sie sichern Waren, stabilisieren Prozesse und tragen dazu bei, Ressourcen zu schonen. Eine nachhaltige Verpackungspolitik muss diese Systemwirkung berücksichtigen. Statt einseitig auf Reduktion oder Wiederverwendung zu setzen, braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, der Funktionalität, Materialeinsatz und Kreislaufführung zusammen denkt.
Die aktuelle Entscheidung der EU-Kommission ist ein erster Schritt in diese Richtung. Sie zeigt, dass evidenzbasierte Regulierung möglich ist, wenn technische Machbarkeit, ökologische Wirkung und praktische Erfahrung zusammengeführt werden.
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Im Dialog mit Daiga-Patricia Kang, dm-drogerie markt
„In der Kunststoffindustrie kann man selbst die Veränderung sein, statt sie nur von anderen einzufordern“