Im Dialog

„Kunststoffverpackungen sind kein moralisches Statement, sondern ein technisches und ökologisches Werkzeug“

Im Dialog M. Hancker von der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen zur Ökologie von Kunststoffverpackungen.

Die Branche entwickelt Kunststoffverpackungen weiter: mit weniger Material, recyclinggerechtem Design und einem zunehmenden Einsatz von Rezyklaten. Mara Hancker, Geschäftsführerin Kommunikation der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen, erläutert, wie die Branche Produktschutz, Kreislauffähigkeit und industrielle Umsetzbarkeit vereint, um Kunststoffverpackungen kontinuierlich zu optimieren. 

Frau Hancker, warum ist Kunststoff gesellschaftlich so stark unter Druck geraten?

Die Debatte ist emotional und moralisch aufgeladen – nicht zuletzt, weil Abfall so sichtbar ist. Er hält uns unseren Konsum und unser Verhalten vor Augen. Das unsichtbare CO₂ bewegt uns dagegen viel weniger. Bilder von vermüllten Stränden oder verendeten Tieren tun weh und fordern zu Recht Veränderungen im Umgang mit Abfällen. Der gesellschaftliche Druck war deshalb ein wichtiger Impuls für ein Umdenken in der gesamten Wertschöpfungskette. Ganzheitlich betrachtet ist Kunststoff aber Teil der Lösung, wenn wir CO₂ reduzieren und Ressourcen schonen wollen. Für langfristig tragfähige Lösungen müssen wir raus aus der ideologischen Sackgasse: Verpackungen sind kein moralisches Statement, sondern ein technisches und ökologisches Werkzeug. 

 

Welche Bedeutung haben Kunststoffverpackungen im Alltag und was folgt daraus für ihre Weiterentwicklung?

Sie schützen Lebensmittel und andere Produkte, sichern Hygiene, verlängern die Haltbarkeit und machen Transporte effizient. So bewahren sie Qualität und vermeiden Produktverluste – im Supermarkt genauso wie in der Medizin oder Logistik. Für die Weiterentwicklung folgt daraus: Verpackungen müssen zuverlässig funktionieren, mit möglichst wenig Material auskommen und von Anfang an so gestaltet sein, dass sie in bestehende Kreisläufe passen. Bewertet werden sollte deshalb nicht allein das Material, sondern die Gesamtleistung im Lebenszyklus – einschließlich der Produktschäden, die eine Verpackung verhindert. 

 

Woran muss sich die Kunststoffbranche messen lassen?

Am Ergebnis: Erfüllt die Verpackung ihren Zweck, und entstehen aus ihr unter realen Bedingungen tatsächlich wieder neue Produkte? Dazu gehört auch der Einsatz von Rezyklaten. Die Branche muss transparent zeigen, wo sie diese Ziele schon erreicht und wo – etwa bei Sammlung, Sortierung oder Recycling – noch Luft nach oben ist. Das gilt auch für die Kommunikation: Fortschritte gehören mit nachvollziehbaren Daten belegt, technische Grenzen offen benannt. 

 

Woran lässt sich dieser Fortschritt konkret erkennen?

Ein gutes Beispiel ist das PET-Recycling in Deutschland. Es zeigt, was möglich ist, wenn alle Schritte ineinandergreifen. Die aktuelle GVM-Studie weist für 2025 eine Recyclingquote von 98,1 Prozent bei PET-Getränkeflaschen aus. Mehr als 95 Prozent des gewonnenen PET sind als rPET zurück in die industrielle Produktion geflossen, und der Anteil von Post-Consumer-Rezyklat in neuen PET-Preforms belief sich auf 58,3 Prozent. Die Rückführung der bepfandeten PET-Ein- und Mehrwegflaschen lag bei 96,4 Prozent. Diese Zahlen zeigen, wie Sammlung, Recycling und Nachfrage zusammenwirken können. 

Aufkommen und Verwertung PET-Getränkeflaschen 2025 in Deutschland - GVM und Forum PET
Aufkommen und Verwertung PET-Getränkeflaschen 2025 in Deutschland - GVM und Forum PET

Welche Bedeutung hat das Verpackungsdesign für die Kreislauffähigkeit?

Kreislauffähigkeit beginnt am Reißbrett, also bei der Produktentwicklung. Verpackungen müssen sich in realen Sortier- und Recyclingprozessen verarbeiten lassen. Dafür braucht es möglichst einfache Materialstrukturen, den Verzicht auf Störstoffe und eine recyclinggerechte Gestaltung. 

Dabei sollten wir Zielkonflikte offen ansprechen. Lange Zeit stand das Marketing gegen das Ökodesign, denn nicht alles, was gut aussieht, lässt sich auch gut recyceln. Hier haben Hersteller und ihre Kunden bereits große Fortschritte gemacht. Dennoch bleibt es wichtig, weiter aufzuklären und bewusst mit Verpackungen umzugehen.  

Welche Rolle spielen Rücknahme, Sortierung, Recycling sowie Rezyklate?

Recyclinggerechtes Design ist eine wichtige Voraussetzung, aber nicht die ganze Lösung. Der Kreislauf braucht funktionierende Sammel- und Sortiersysteme: Gebrauchte Verpackungen müssen richtig entsorgt, erfasst und sortiert werden. Im Recycling entstehen daraus geeignete Materialströme, die als Rezyklate wieder zum Einsatz kommen. Sie ersetzen einen Teil neuer Rohstoffe und geben gebrauchten Verpackungen einen wirtschaftlichen Wert. Beim PET funktioniert dieses Zusammenspiel bereits sehr gut. Für andere Anwendungen müssen Infrastruktur, Technologien und Absatzmärkte noch weiterentwickelt werden. 

 

Was macht eine Innovation zu einer industriellen Lösung?

Eine Idee wird erst zur industriellen Lösung, wenn vieles zusammenkommt: Sie funktioniert technisch, darf rechtlich eingesetzt werden, trägt sich wirtschaftlich und lässt sich in ausreichender Menge herstellen. Vor allem muss sie sich im Alltag bewähren, nicht nur im Labor oder in einer Einzelanwendung. Das kann ein neues Material sein, aber ebenso eine dünnere Verpackungswand, ein besserer Verschluss oder ein Produktionsverfahren, das Rohstoffe spart und die Funktion erhält. Die Stärke der Hersteller liegt darin, solche Lösungen skalierbar in die Produktion zu bringen – gemeinsam mit Chemie, Maschinenbau, Recyclingwirtschaft, Start-ups und Hochschulen. Damit die Skalierung gelingt, braucht es zudem einen verlässlichen regulatorischen Rahmen und den Austausch mit der Politik. 

 

Starlinger Gruppe

Wie lassen sich Kreislauffähigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden?

Kreislauffähige Lösungen müssen sich rechnen. Der wichtigste Hebel ist eine stabile Nachfrage nach Rezyklaten: Sie löst Investitionen in neue Anlagen und Prozesse aus, und aus gebrauchten Verpackungen wird wieder ein wertvoller Rohstoff. Hier ist der Aufholbedarf noch am größten, denn recycelte Kunststoffe waren und sind teilweise teurer als Neuware. Sollen die ambitionierten Einsatzquoten ab 2030 erreicht werden, müssen wir die nötige Infrastruktur jetzt in einem gemeinsamen Kraftakt aufbauen. 

Welche Bedeutung haben Standort und Versorgungssicherheit?

Eine leistungsfähige Kunststoffverpackungsindustrie in Deutschland und Europa sorgt dafür, dass Lebensmittel, Medizinprodukte und andere Güter die Menschen zuverlässig erreichen. Sie sichert Beschäftigung, hält technisches Wissen und Produktionskapazitäten in der Region und stärkt so die regionale Wertschöpfung und die industrielle Resilienz. 

 

Rezyklate können außerdem den Bedarf an neuen Rohstoffen und die Abhängigkeit von Importen verringern. Voraussetzung sind Investitionen in moderne Recyclingkapazitäten, eine verlässliche Qualitätssicherung und stabile Absatzmärkte für Rezyklate. Genauso wichtig sind wettbewerbsfähige Energie- und Produktionsbedingungen am Standort. Kreisläufe stärken damit nicht nur den Ressourcenschutz, sondern auch die Versorgungssicherheit. 

 

Was erwarten Sie von der Politik?

Die Politik sollte klare Ziele setzen und dabei die unterschiedlichen Anwendungen im Blick behalten. Entscheidend ist, welche Lösung unter realen Bedingungen Produktschutz, Ressourcenschonung und Recycling am besten verbindet. Dafür braucht es belastbare, möglichst europaweit einheitliche Designstandards mit klaren Kriterien für recyclinggerechte Verpackungen. Verlässliche Rezyklatstandards und planbare Fristen geben Investitionen die nötige Planungssicherheit. 

 

Tragfähige Lösungen entstehen am besten im Dialog: mit Herstellern, Marken, Entsorgern, Wissenschaft, Politik und kritischen Stimmen. Letztere sollten nicht nur angehört, sondern früh in die Entwicklung von Kriterien und Lösungen einbezogen werden. 

 

Woran soll sich die Industrie im Jahr 2035 messen lassen?

An Verpackungen, die im Alltag und im Kreislauf überzeugen. Die Branche ist auf einem guten Weg und hat bereits wichtige Lösungen entwickelt. Jetzt kommt es darauf an, diesen Kurs konsequent fortzusetzen, technische Grenzen offen zu benennen und neue Anforderungen früh aufzugreifen. 

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