Kreislaufwirtschaft wird oft in Einzelmaßnahmen diskutiert – etwa an der Frage, welches Material erlaubt oder verboten werden sollte. Im Interview erklärt Dr. Ariane Voglhuber-Slavinsky vom Fraunhofer ISI, warum Transformation nur gelingen kann, wenn Wertschöpfungsketten als Gesamtsystem verstanden werden und alle relevanten Akteure einbezogen sind, von Herstellung und Handel über Logistik und Abfallwirtschaft bis hin zu den Haushalten. Sie spricht über die Chancen partizipativer Zukunftsforschung, die Grenzen pauschaler Narrative über Kunststoffverpackungen und die Frage, wie Regulierung so gestaltet werden kann, dass sie Wandel ermöglicht, statt ihn zu blockieren.
Frau Dr. Voglhuber-Slavinsky, Sie sind in der Zukunftsforschung tätig und haben einen agrarwissenschaftlichen Hintergrund. Wie blicken Sie auf die öffentliche Debatte rund um Kreislaufwirtschaft, was wird dort oft missverstanden und über welche Erfolge im Gegenzug zu wenig gesprochen?
Ich bin in zahlreichen Agrar-, Food- und Bioökonomie-Projekten tätig, bei denen es Überschneidungen mit den Themen Kreislaufwirtschaft und Kunststoffe gibt. Wir haben einen systemischen Blick und betrachten bei unserer Arbeit das große Ganze und die Perspektiven aller beteiligten Akteure. Mit dieser Wahrnehmung erlebe ich auch eine öffentliche Debatte, die sich an Einzelbeispielen wie dem Verbot von Plastikstrohhalmen abarbeitet. Das erweckt den Anschein, als könnte man durch eine Einzelmaßnahme einen großen Impact auslösen. Aber es ist eben nicht ein kleines Puzzleteil losgelöst von anderen Parametern wirksam, sondern das Gesamtsystem entlang der Wertschöpfungskette. Beim Thema Kunststoff gibt es etwa eine starke Verflechtung mit dem Energiesektor, die man ebenfalls berücksichtigen muss.
Wenn eine verengte Perspektive und Einzelmaßnahmen nicht zielführend sind – was braucht es dann, damit Kreislaufwirtschaft gelingt?
Transformation kann nur dann gelingen, wenn alle Beteiligten identifiziert und einbezogen werden. Wenn auch Haushalte, Hersteller, der Handel und ebenso die Logistik mitsamt ihren spezifischen Anforderungen und ihrem Domänenwissen mitgedacht werden. Sie sind die vielen Rädchen, die ineinandergreifen müssen, damit sich der Kreislauf schließt. Es geht aber auch um einen prinzipiellen Wandel im Verständnis. Gerade im Lebensmittelbereich gerät leicht in Vergessenheit, dass Kunststoffverpackungen wesentlich dazu beitragen, Lebensmittel länger haltbar zu machen, sicher zu transportieren und den Alltag zu erleichtern.
Sie arbeiten nach einem systemischen Ansatz, was genau heißt das?
Wir arbeiten partizipativ und versuchen in unserem Foresight-Prozess unterschiedliche Stakeholder mit einzubeziehen, vor allem aber auch Menschen aus der Praxis. Gerade an der Schnittstelle von Wissenschaft und dem Agri-Food-Bereich ist es wichtig, sich empathisch für die Bedingungen des Arbeitsalltags zu zeigen: Ein Landwirt kann sich nicht ganz so einfach einen halben Tag freinehmen, um über Transformation zu sprechen. Zudem ist im Lebensmittelsektor der Handel einer der Akteure, der erfahrungsgemäß nur schwer in Prozesse einzubinden ist. Für eine gelungene Transformation müssen Akteure an einem Tisch zusammenkommen, die üblicherweise weniger miteinander sprechen. Hier braucht es Anstrengung und einen klaren Willen. Klar ist: Man kann nicht nur an einer Schraube drehen. Ein regulatorischer Eingriff wird sich auf alle beteiligten Einzelakteure auswirken, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht direkt betroffen zu sein scheinen.
Stichwort Regulierung: Inwiefern kann regulatorischer Druck positiv oder negativ wirken, und was bräuchte es, damit er positiv wirkt?
Grundsätzlich gilt: So wenig Regulation wie möglich und so viel wie nötig. Wenn es Regulation gibt, dann sollte diese partizipativ gestaltet sein, um alle Stakeholder mitzunehmen, auf die sich jene Transformation auswirkt. Wir haben im Auftrag der Funk-Stiftung die Studie „Auf Messers Schneide“ durchgeführt und für die Lebensmittelindustrie Szenarien für das Jahr 2040 entwickelt. Dabei haben wir einen starken Fokus auf unterschiedliche Risikocluster gelegt. In einem der Szenarien sind wir von einer sehr starken Regulierung ausgegangen und haben festgestellt: Wenn Regulierung zu eng greift, hat das negative Effekte und lässt kaum Handlungsspielraum. Deshalb ist es wichtig, die betroffenen Akteure früh in die Ausgestaltung neuer Vorgaben einzubeziehen. Das ist zunächst aufwendiger, am Ende aber sinnvoller, weil die Marktteilnehmer so handlungsfähig bleiben.
Sie haben im Projekt BioKompass auch biobasierte Kunststoffe in den Szenarien betrachtet. Was hat diese Arbeit gezeigt?
Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir für große Veränderungen auch unsere Glaubenssätze hinterfragen sollten. Gerade beim Thema Biokunststoff zeigt sich: biobasiert allein ist noch kein Qualitätsmerkmal. Wenn ein Material zwar biobasiert, aber am Ende nicht recycelbar und nicht biologisch abbaubar ist, stellt sich die Frage nach seinem tatsächlichen Nutzen. Sinnvoll wird es dort, wo aus biobasierter Grundstruktur ein wirklich wiederverwertbarer Kunststoff entsteht. Genau das ist aber nicht automatisch der Fall. Es ist ein Beispiel dafür, dass sich Narrativ und Annahmen nicht immer mit den Fakten decken. Außerdem zeigt es, dass wir für einen gelungenen Transformationsprozess bereit sein müssen, uns selbst kritisch zu hinterfragen.
In der Tat hat die Kunststoffverpackungsindustrie eine Herausforderung mit Narrativen rund um den Nutzen des Materials. Was muss sich hier ändern?
In einem Projekt namens Food Processing in a Box ging es unter anderem um Verpackungslösungen – also um die Frage, wie sich etwa einzelne Bestandteile eines Smoothies praktisch in Kunststoff verpacken lassen. Gerade dieser Aspekt wurde im Projekt intensiv diskutiert, um Nutzen und Zielkonflikte von Verpackungslösungen differenziert zu bewerten. Ich glaube, hier müssen wir stärker differenzieren. Nicht jede Kunststoffverpackung ist sinnvoll. Es gibt aber Anwendungen, bei denen sie hilft, Lebensmittel zu schützen, zu retten und länger haltbar zu machen. Entscheidend ist nicht, Kunststoffverpackungen pauschal abzulehnen, sondern ihren konkreten Nutzen für Produktschutz, Haltbarkeit und Logistik entlang der Wertschöpfungskette zu bewerten. Ich denke, es ist den Verbraucherinnen und Verbrauchern im Supermarkt nicht immer klar, welche Verpackung Lebensmittel tatsächlich länger haltbar macht und welche eher der Convenience dienen. Das gilt es klar herauszuarbeiten.
Ist es auch eine Aufgabe der Wissenschaft, Menschen dabei zu helfen, ihre eingefahrenen Denkmuster zu hinterfragen?
Für die Zukunftsforschung ist das inhärent. Wenn wir in Szenarien nach vorne schauen, müssen wir Menschen immer wieder aus ihren gewohnten Denkmustern herausholen. Unsere Wahrnehmung ist von Biases geprägt, also Wahrnehmungsfiltern. Deshalb arbeiten wir bewusst mit Debiasing-Übungen. Eine davon ist der Blick zurück: Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren eigentlich verändert? Wenn man sich das vergegenwärtigt, wird deutlich, wie groß Veränderung in kurzer Zeit sein kann und wie schnell sich deshalb auch Zukunft und somit gegenwärtige Denkweisen verschieben können.
Wer ist denn gefragt, wenn es um eine Veränderung des Storytellings rund um Kunststoffverpackungen geht: die Branche, die Medien, die Politik oder die NGOs?
Alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette, wenn wir systemisch darauf blicken. Dazu gehört auch der Lebensmitteleinzelhandel als die Station, an der die Produkte weitergegeben werden. Oder die Abfallwirtschaft, die diese zuletzt in Empfang nimmt. Wichtig wäre es auch, sich über Ländergrenzen hinweg auszutauschen und voneinander zu lernen, was woanders gut funktioniert und wie ein Transfer gelingen kann. Da haben wir momentan sogar in Europa, wo es bereits starke Verflechtungen gibt, Nachholbedarf.
Über Dr. Ariane Voglhuber-Slavinsky
Dr. Ariane Voglhuber-Slavinsky ist Agrarökonomin und im Bereich der Zukunftsforschung für Unternehmen und Industrieverbände am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen unter anderem Trend- und Szenarioanalysen, Roadmapping sowie Strategieprozesse zur Regionalentwicklung. In der aktuellen Studie „Auf Messers Schneide“ zur Lebensmittelindustrie bis 2040 befasst sie sich mit der Frage, wie Unternehmen mit einer zunehmend verflochtenen Risikolandschaft umgehen können. Sie studierte Nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie sowie Agribusiness an der Universität Hohenheim in Stuttgart, zuvor absolvierte sie ein Diplom in Gesundheitsmanagement im Tourismus an der FH Joanneum in Österreich. In ihrer Promotion an der Universität Hohenheim untersuchte sie, wie Biodiversität und Ökosystemleistungen so in Entscheidungsprozesse eingebunden werden können, dass entsprechende Ansätze auch unter zukünftigen Rahmenbedingungen tragfähig bleiben.